Literarische Lieblinge in 2021 -2020 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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Unsere Literarischen-Lieblinge in 2020:
„Shredded Prose“

Eine Kleinstadt in Illinois zur Jahrhundertwende: Rechtsanwälte und Minenarbeiter, ehrbare Ehefrauen und die in wilder Ehe lebende Tänzerin, Töchter, Söhne und Ehemänner, Reiche und Arme, Gläubige und arme Seelen. Sie alle führen ein sichtbares Leben. Edgar Lee Masters aber hat in seinen Grabinschriften, den Epitaphen, ihre unbekannte, versteckte Seite ans Licht gebracht. Wir lesen von wahrhaftigen Menschen, deren Leben miteinander verflochten waren, selten zum Vorteil der Einzelnen. Wir lesen aber auch mehrere Sichten auf denselben Vorgang, wer Täter ist und wer Opfer, das verwischt regelmäßig …

Edgar Lee Masters Gedichtband „Die Toten von Spoon River“ (erschienen erstmals 1914) ist der meistverkaufte Gedichtband des 20. Jahrhundert – obwohl seine freirhythmischen Verse gerade nicht den üblichen Lesegewohnheiten entsprachen und auch weiterhin nicht entsprechen. Kritiker sprachen gar von „geschredderter Prosa“. Doch genau in der von Masters gewählten Form, in einer Art Momentaufnahme, die nur sehr selten über eine Seite hinausgeht, funktionieren die Texte hervorragend. Wir Leser*innen erfahren, zumindest wirkt es so, vor allem das, was die Person ausmachte: Das ist unglaublich dicht und großartig. Dass viele Texte echten Menschen zuzuordnen sind kann man übrigens im Nachwort nachlesen.

Edgar Lee Masters: „Die Toten von Spoon River“, Verlag Jung und Jung, Übersetzung: Claudio Maira, 978-3-990272-43-5, € 40,00


Gemeinsam

Ich war neun oder zehn Jahre, als das erste türkische Mädchen in unsere Klasse kam. Wir sollten „nett sein“, mit ihr reden – aber wir wussten gar nicht, wie das gehen kann. Bis dahin war die Welt eingeteilt in katholisch beziehungsweise evangelisch und in „großer Farbfernseher“ plus halbwegs entspannter Feierabend beziehungsweise kleiner Schwarz-Weißer plus immer zu wenig Geld. Nun gab es also jemanden außerhalb der Kategorien, zumindest in unserer Wahrnehmung. Die Gemeinsamkeiten zu entdecken, das war kaum möglich.

Auch dank Aras Örens „Berliner Trilogie – drei Poeme“ gelingt es mir heute, halbwegs zu verstehen, wie das damals war. Ören lebt seit 1969 in Berlin, war Redakteur beim SFB und Leiter der türkischen Redaktion Multikulti beim RBB – und er hat in der „Berliner Trilogie“ vielen türkischen „Gastarbeitern“ (ich nutze die Anführungszeichen hier sehr bewusst: eigentlich sind es ja einfach Kolleg*innen, oder?) ein Denkmal gesetzt. Mit wenigen Worten skizziert er alte und neue Lebensentwürfe, Alltag in der Türkei und in Deutschland, Sprachlosigkeit und ihre Zwischentöne. Das ist große Kunst. Es ist aber vor allem ein großartiger Beitrag zur Verständigung. Und die haben wir derzeit nicht weniger nötig als in den siebziger Jahren, finde ich.

Aras Sören: „Berliner Trilogie – drei Poeme“, Verbrecher Verlag, Übersetzung: H. Achmed Schmiede, Johannes Schenk, Jürgen Theobaldy und Gisela Kraft, 978-3-95732400-9, € 22,00
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