Belletristik Lieblinge in 2025 - 2024 - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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unsere Belletristik-Lieblinge in 2024:
Rüdiger Bertram: Hummer to go

Sich Ferienfotos gegen Entlohnung zeigen lassen – damit hatte Frank eine Marktlücke aufgetan. Er wurde oft genug gebucht um zu expandieren; und nun kümmerte sich Schneider im Hintergrund um Werbung, Akquise und Mitarbeiter. Und auch wenn Frank mittlerweile nahezu alle Ferienorte auf den Fotos erkannte, war er immer noch gerne bei der Kundschaft. Zumindest bei den meisten. Gerhard ging ihm aber doch ein bisschen auf die Nerven, es gab kein Foto, auf dem er nicht posierte. Halt, doch, eines gab es, darauf war eine bildschöne, blonde Frau zu sehen. Wie sich herausstellte, Gerhards Ex, Karin. Für Frank war es Liebe auf den ersten Blick. Am Ende des Termins stibitze Frank in einem unbeobachteten Moment ein Foto Karins von Gerhards Pinwand – denn dass er sie finden und für sich gewinnen musste, das war Frank sofort klar. Keine Woche später war er mit dem Zug in die Bretagne unterwegs. Dass seine Familie ihn für vollkommen verrückt hielt, nahm er für seine große Liebe gerne in Kauf …

Man verfällt Ich-Erzähler Frank schon auf den ersten Seiten: Da sitzt er auf einem Felsen vor der Küste Trégastels und muss warten, bis die Flut zurückgeht, damit er wieder zum Strand spazieren kann. Er denkt über sein Leben nach – lakonisch und mit viel Lust über sich selbst zu lachen teilt er seinem Publikum, also uns, mit, was so alles passiert ist. Wir Leser*innen sind quasi mitten im Geschehen: und werden dabei bestens unterhalten! Ach, und Hugo der Hummer spielt natürlich nicht nur im Titel eine Rolle.

Penguin Verlag, 978-3-328-10876-4, € 12,00

Dominika Meindl: Selbst Stadt, anderer Planet

Seit Johanna zurück im Dorf ist, träumt sie – wilde Träume, die böse enden. Eigentlich hatte es ihr in Wien gut gefallen, doch nun übernimmt sie Knall auf Fall die Praxis des verstorbenen Vaters, samt Haus und dem Durcheinander das darinnen herrscht. Ihre Zwillingsschwester Doris ist nie herausgekommen aus dem Dorf, die Schreinerei ist ihre Passion. Beide lieben es, in den Bergen zu sein und eigentlich kommen sie sowieso gut miteinander aus. Auch Andrej und Maria wohnen gerne hier, sie haben aus ihrem Haus ein richtiges Familiennest für ihre beiden Töchter gemacht. Und dann gibt es noch Herrn Patrick, der in seiner Kindheit schon einige Jahre in Österreich gelebt hat; nun arbeitet er für die chinesischen Tourismusbehörde …

Es sind drei Handlungsstränge, die Dominika Meindl in ihrem Buch kunstvoll miteinander verwebt: Die der Ärztin Johanna, die nach vielen Jahren zurück aufs Dorf zieht und alles mit städtischen Augen sieht; die des Jugoslawen Andrej, der die Strukturen erkennt und sich integriert, aber nie so ganz dazugehören wird. Und die von Herrn Patrick, dessen eigentlichen Namen wir nicht erfahren werden, und der ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen China und Österreich ist. Meindl schreibt in Gegenwartsform, jede*r hat eine ganz eigene Stimme. Der Klappentext verspricht „Pseudoidylle, Overtourism, Bauspekulationen – und einen Hauch von ‚Piefke-Saga‘. Ein hochkomischer, kritischer und vor allem hinreißender Roman!“ und besser kann ich das auch nicht beschreiben. Nur ergänzen: Dominika Meindl hat darüber hinaus auch eine sehr beeindruckende Art, Landschaften in Szene zu setzen.

Picus Verlag, 978-3-7117-2144-0, € 22,00

Mareike Fallwickl: Die Wut, die bleibt

Das fehlende Salz ist der letzte Tropfen … Helene steht vom Tisch auf, geht auf den Balkon und dort einen Schritt zu weit. So beginnt Mareike Fallwickls Buch, das hauptsächlich von zwei Stimmen erzählt wird – der von Helenes fast erwachsener Tochter Lola und der von Helenes bester Freundin Sarah. Beide hätten gedacht, dass sie Helene sehr gut kennen, beide trifft ihr Tod vollkommen unvorhergesehen. Und beide reagieren vollkommen unterschiedlich: Lola kannte Helenes Alltag und die Fallstricke der mütterlichen Zuständigkeit. Sie findet Kameradinnen, Freundinnen, und macht sich mit ihnen auf, dort aktiv zu werden, wo es gegen Frauen geht. Die vier werden zu einer Art solidarischer Kampftruppe. Sarah hingegen sucht nach einem Verständnis des Geschehenen, indem sie Johannes, Helenes Witwer, bei der Versorgung der beiden kleinen Jungs hilft. Denn Johannes scheint das nicht stemmen zu können und das ist ja durchaus verständlich, findet sie. Gerade auch jetzt, wo in der Pandemie das öffentliche Leben sowie die Kindergärten und Schulen nur sehr eingeschränkt funktionieren …

Dieses Buch hat eine wahnsinnige Wucht. Und das, obwohl Mareike Fallwickl nicht ins Detail ausbuchstabiert, was vor sich geht. Jeder Satz, jede Drehung „sitzt“ – wer Verantwortung in der Familie hat (und die muss gar nicht für Kinder sein …) kann nachvollziehen, was Helene fühlte. Und auch, was in Lola und Sarah vorgeht, wie sie reagieren, wie sich die Prioritäten des Lebens verschieben, all das erzählt Fallwickl kompromisslos. Auch wenn Lola und Sarah am Ende des Buches ihre Wege selbstbestimmt und gegen Konventionen wählen – die Wut bleibt.

Das ist keine leichte Kost und sicherlich nichts, was man so nebenbei lesen kann: „Die Wut, die bleibt“ erzählt Frauenleben fast exemplarisch. Das wird mich noch lange beschäftigen.

Rowohlt Verlag, 978-3-499-00912-9, € 14,00

Marie Darrieussecq: Das Meer von unten

Was bedeuten die Geräusche und die Unruhe auf dem Schiff? Es braucht einige Zeit, bis Rose klar wird, dass die Mannschaft sich um ein Boot mit Flüchtlingen kümmert. Mittendrin ein Junge mit intensivem Blick, Rose ist klar, sie muss ihm helfen. Also holt sie das Mobiltelefon ihres Sohnes und ein paar Kleidungsstücke und überreicht alles Younès. Dann muss sie nach ihren Kindern sehen – und Younès wird zusammen mit den anderen Bootsflüchtlingen an die Polizei übergeben. Zurück in Paris, in ihrem Job als Therapeutin, in ihrer Ehe mit einem Mann, der Wein deutlich zu sehr zugeneigt ist. Irgendwann beginnen Younès Anrufe, sie ist ja als Kontakt gespeichert. Und irgendwann kommt er nach Paris …

Marie Darrieussecq lotet sehr genau aus, was es bedeutet, bedeuten kann, ein guter und hilfsbereiter Mensch zu sein. Ihre Rose ist keineswegs mit wehenden Fahnen eine Retterin – aber sie ist eben auch keine, die wegschaut. Sie steckt in dem Zwiespalt, das beste für die eigene Familie zu wollen und gleichzeitig Verantwortung gegenüber Younès zu verspüren. Sie weiß, dass sie nicht beidem gleichzeitig Rechnung tragen kann und sucht trotzdem nach Mitteln und Wegen. Das ist unglaublich klug gemacht und man kommt gar nicht umhin, sich selbst in diese Situation hineinzudenken. Dieser Roman ist ein einziger, sehr gut geschriebener Denkanstoß.

Secession Verlag, Übersetzung: Patricia Klobusicky, 978-3-96639-084-2, € 25,00

Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules

Seit Jules in Pension ist, kocht er morgens den Kaffee und Alice wartet derweil in der wohligen Wärme ihres Bettes. Sonst überlässt er den Haushalt gerne ihr, und diese Minuten seines Kümmerns genießt sie sehr. An diesem Morgen sitzt er als sie aufsteht auf der Couch und scheint die Schneelandschaft vor dem Fenster zu genießen. Sie setzt sich neben ihn und legt den Kopf auf seine Schulter – und merkt erst nach einiger Zeit, dass kein Leben mehr in ihm steckt. Der Schreck ist (noch) nicht allzu groß; sie weiß recht schnell, dass sie sich noch nicht trennen, noch keinen Bestatter rufen möchte. Und so lässt sie Jules einfach sitzen. Während die Stunden ins Land gehen, überlässt sie sich den Erinnerungen, auch den weniger schönen …

Wenn die Vertreter*innen kommen, reden wir viel über Bücher, das liegt in der Natur der Sache. Dieses Buch hier hätte ich vermutlich nicht eingekauft – wenn Frau Hölzemann es mir nicht wärmstens ans Herz gelegt hätte, sie kennt es aus der Erstauflage (die war 2005!). Ich kann ihr nur absolut recht geben: „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist ein wahrhaftiger und herzerwärmender Roman, dem ich sehr viele Leser*innen wünsche!

Unionsverlag, Übersetzung: Isabel Hessel, 978-3-293-71003-0, € 12,00

Christine Wolter: Die Alleinseglerin

Als Almut nach Jahren der Funkstille wieder mit ihrem Vater zu tun bekommt, hat er eine Hütte am See und ein Segelboot. Sie lernt segeln, tut sich schwer damit, aber es bedeutet immer auch, in seiner Nähe zu sein. Außerdem mag sie das Gefühl von Eigenständigkeit und Freiheit, auch wenn da immer Angst und Unvermögen mit im Boot ist. Als der Vater, der Käpt’n, den Drachen verkaufen will, kauft sie ihn auf Raten ab, nicht ahnend, dass ein Boot sehr viel mehr Kosten nach sich zieht, als es der eigentliche Kauf vermuten lässt. Sie beißt sich durch, mit Kind und oft ohne Partner, sie sucht Material und streicht wochenlang – und findet, zwischen allen Unbilden des Lebens, sich selbst.

Dieser Klassiker der DDR-Literatur mäandert durch die Zeiten; das führt zu ungewöhnlichen Blickwinkeln und Einsichten und macht diesen Roman ganz besonders reizvoll. Es geht natürlich nicht nur ums Segeln, gleichwohl die Beschreibungen dazu viel Raum einnehmen - sprachlich ist das wunderbar leicht und ganz ungewöhnlich. Und, obwohl schon über 50 Jahre alt: Christine Wolters Buch ist überhaupt nicht gealtert!

Nagel und Kimche, 978-3-312-01291-6, € 14,00

Charles Lewinsky: „Rauch und Schall“

Diesmal hatte die Reise nicht geholfen. Bisher war Goethe, wenn er nach Hause zurück kam, angefüllt mit Ideen und Geschichten, er liebte es, all das zu Papier zu bringen. Nur wer etwas erlebt, kann auch schreiben – davon war er fest überzeugt. Doch diesmal hatten die Wochen in der Schweiz nicht geholfen, er saß da, die Feder in der Hand, doch selbst wenn er schrieb, hielt das dem prüfenden Blick am Abend nicht stand. Und im Brief vom Hofmarschallamt war unmissverständlich ein Festgedicht zu Ehren der Herzogin angefordert worden, so bald als möglich. Nur: Goethe hatte wirklich keine Vorstellung, was er schreiben sollte! Christianes Vorschlag, ihren Bruder um Hilfe zu bitten, war eigentlich unter seiner Würde. Eigentlich …

Fast hätte ich das Buch direkt nach den ersten Sätzen wieder zur Seite gelegt: Goethes Hämorrhoiden, mit denen es beginnt, interessieren mich tatsächlich überhaupt nicht. Weil ich den Autor Charles Lewinsky sehr schätze, habe ich weitergelesen – und wurde postwendend belohnt. Die Mischung aus Fiktion und Wahrheit, die Lewinsky hier präsentiert, ist unterhaltsam und absolut interessant. Und sie ist, auch wenn er Goethe, seiner Geliebten Christiane Vulpius und deren Bruder Christian August Vulpius sehr nahekommt, nicht anbiedernd oder despektierlich. „Rauch und Schall“ ist ein großer Lesegenuss: Stilistisch schön, inhaltlich überraschend und genau richtig lang.

Diogenes Verlag, 978-3-257-07259-4, € 25,00

Sally Page: „Das Glück der Geschichtensammlerin“

Janice ist sich sicher – sie hat keine eigene Geschichte. Ja, sie ist verheiratet und hat einen Sohn. Und ja, ihren Job als Putzfrau scheint sie sehr gut zu erfüllen. Aber das reicht ja nicht! Was ihre Kundschaft erzählt - manches schön, manches traurig, alles wahr - sortiert sie und holt es hoch, wenn sie eine gute Erinnerung nötig hat. In ihrem Alltag gibt es genug Zeiten, in denen das der Fall ist.
Nicht nur wegen dieser Geschichten mag sie die Kundschaft wirklich sehr; alle, bis auf ein snobistisches Ehepaar. Eines Tages wird sie ausgerechnet von der Ehefrau gebeten, sich um die 92-jährige Schwiegermutter zu kümmern. Wie sich herausstellt, will Mrs. B eigentlich keine Hilfe haben – doch irgendetwas bei der zweiten Begegnung lässt Janice vermuten, dass sie irgendwie miteinander klarkommen werden. Bald ist nicht mehr ganz so sicher, wer hier eigentlich wem helfen muss …

Ja, Sally Pages Roman gefällt nicht auf Anhieb: Janice ist distanziert, die Gegenwartsform verstärkt das noch und überhaupt, was scheint das eigentlich für ein vorhersehbares Buch zu sein. Der zweite Blick hingegen überzeugt – denn Janice ist klug und hilfsbereit, reflektiert und zielorientiert. Und hat eben doch eine ganz eigene Geschichte, der sie sich aber erst annähern muss. Eine zarte Liebesgeschichte und überraschende Wendungen gibt’s obenauf: Mit der Geschichtensammlerin verbringt man sehr gerne einige Stunden auf der Couch!

Verlag dtv, Übersetzung Carolin Müller, 978-3423-21879-5, € 14,00

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