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Die besonderen Empfehlungen dieses Monats - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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Öffnungszeiten ab 2026: DI-FR 10:00 - 12:30 | MO-FR 14:00 - 18:30 | SA 10:00 - 13:00

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Feministische Buchwoche 2026:


Seit 2023 gibt es die Feministische Buchwoche – sie ist die Reaktion auf „Frauen zählen“, eine Untersuchung über die Sichtbarkeit von Autorinnen sowie Kritikerinnen im Literaturbetrieb. Denn das Ergebnis der Untersuchung war, dass zwei Drittel der besprochenen Bücher von Autoren stammten. Außerdem sind sowohl die Themen männlich dominiert, als auch sind die Kritiken überwiegend von Männern geschrieben.
Die Bücherfrauen e. V., ein deutschlandweites Netzwerk, hat darum die Feministische Buchwoche (FemBuWo) ins Leben gerufen. Ich bin zwar nicht Mitglied dieses Netzwerks (die Zeit fehlt), aber ich finde die Sache notwendig und sinnvoll – und darum gibt es seit 2023 auch bei uns die FemBuWo. Neben der Präsentation von feministischen Titeln sind wir auch immer mit Buchbesprechungen „am Start“; wir haben ja eh‘ jeden Monat sechs Titel, die wir empfehlen, und das sind im April 2026 ausschließlich Titel von Frauen und mit weiblichen Lebenswelten. Es ist eine wilde Mischung, die hoffentlich nicht nur uns begeistert! Wie immer sind auch viele unabhängige Verlage mit in unserer persönlichen Auswahl …


Katrin Zipse: Moosland

 
Elsa hatte die Chance ergriffen, ohne die Voraussetzungen zu erfüllen, landwirtschaftliche Vorerfahrung war gefordert. Es ist das Jahr 1949 und der isländische Bauernverband hatte einen Aufruf gestartet: „Arbeitskräfte für die Landwirtschaft gesucht, ein Jahr Kost und Logis frei“. Elsa, die im zerbombten Deutschland keine Chance für sich sah, war ihm gefolgt. Aber mit einer derart unwirtlichen Gegend, mit der Sprachbarriere und vor allem mit den Hühnern, damit hat sie nicht gerechnet. Das Ankommen ist nicht leicht, das Bleiben noch schwerer. Und warum gibt es Spuren einer jungen Frau auf dem Hof – einer Frau, von der niemand redet?

Katrin Zipses Sprache ist in diesem Roman so karg wie die Landschaft, und doch haben wir Leser:innen alles vor unserem inneren Auge; fast fühlen wir die Kälte, die Nässe und den Wind, die immer ein Thema sind im unwirtlichen Island. Genau diese Sprache macht aber Elsas Erlebnisse so nachvollziehbar – ihre Möglichkeiten der Kommunikation sind noch kärger und sie versteht am Anfang weder die Angebote noch die Forderungen. Und auch die Familiendynamik ist ihr ein Rätsel, der Umgang der Eltern und der beiden Söhne miteinander und untereinander ist schwer zu fassen für sie. Wie sie langsam Fuß fasst, wie sie sich dem Alltag stellt, das beschreibt die Autorin anrührend und nahbar. Dieser Roman ist ein echtes Erlebnis.  
 

Dumont Buchverlag, 978-3-7558-0071-2, € 24,00
Irene Dische: Prinzessin Alice

Man konnte nicht sagen, dass sie ihr Leben liebte – ihr Zusammenleben mit vier pubertierenden Töchtern auf engstem Raum, und die Angewiesenheit auf das finanzielle Wohlwollen ihrer Schwägerin. Aber vielleicht war sie ja gewohnt, das Beste aus unangenehmen Situationen zu machen? Immerhin war sie taub geboren und hatte trotzdem ganz selbstverständlich ihren Platz im Königshaus eingenommen, sie konnte in mehreren Sprachen Lippenlesen und ihre heitere Art trug sie durch viele unangenehme Situationen. Und da war ja auch noch ihre Liebe zu Jesus. Doch es kann die eigenständigste Prinzessin nicht ihr Leben leben, wenn die Schwägerin sie für geisteskrank hält …

Prinzessin Alice von Griechenland gab es wirklich, sie entstammte dem Darmstädter Adelsgeschlecht der Battenbergs, war taub und Urenkelin von Queen Victoria. Nach dem ersten Weltkrieg verarmt und ohne Beistand, verbrachte sie tatsächlich einen Teil ihres Lebens in einer geschlossenen Anstalt, danach lebte sie unstet, oft wusste nur ihre Mutter, wo sie gerade weilte. Die vier Töchter von Prinzessin Alice heirateten hochrangige Nazis, ihr Sohn Philip war fast 70 Jahre mit Queen Elisabeth von England verheiratet.


Irene Dische hat aus den biographischen Daten eine ungewöhnliche Satire entwickelt, in der vor allem Alice selbst zu Wort kommt. Alice‘ Erzählstimme nimmt einen sofort gefangen – auch wenn man nichts mit Fürstenhäusern am Hut hat, man ist mittendrin in höfischen Abläufen und Intrigen. Und darüber hinaus gelingt Dische ein außerordentliches Porträt einer sehr ungewöhnlichen Frau. Auch wenn nicht alle biographischen Daten stimmen …

Verlag Claassen, Übersetzung: Tanja Handels, 978-3-546-10156-1, € 20,00

Lea Streisand: Hätt‘ ich ein Kind

„Sie werden keine Kinder bekommen.“ Dieser Satz setzt den Schlussstrich unter Kathis Bemühungen, schwanger zu werden. Wenn selbst die Ärztin der Kinderwunschklinik keine Chancen sieht, mit allen Möglichkeiten, die sie dort haben, dann müssen sich Kathi und ihr Freund David wohl damit abfinden. Aber dann wird Effi, Kathis beste Freundin schwanger – und der Wunsch nach einem Kind führt Kathi und David zum Jugendamt. Doch ein Adoptionsverfahren ist hochkompliziert und leider auch von der zuständigen Person im Amt abhängig, die beiden brauchen jede Menge Geduld. Währenddessen stehen die Freundinnen zusammen, komme was mag, kann ja nicht alles so einfach laufen wie im Märchen. Oder sind die doch ganz anders zu verstehen?

Dieser Roman kommt meist recht komisch daher – zum Beispiel wenn die Dame vom Jugendamt den Beinamen „Glitzerelfe“ bekommt, obwohl ihre Arbeit alles andere als blitzend ist – aber die Probleme sind durchaus real: Was macht man mit einem unerfüllten Kinderwunsch? Wie verändert das die Paardynamik und wie Freundschaften? Lea Streisand verhandelt das in ihrem Roman sehr realistisch, und überall liest man Wohlwollen gegenüber ihren Protagonisten. Das alleine wäre schon lesenswert. Aber Kathi schreibt neben allem anderen auch noch an ihrer Doktorarbeit, deren Thema die Gebrüder Grimm sind. Die Erläuterungen zu Märchen, die wir darum zwischendrin immer mal wieder lesen, geben dem Roman eine erstaunlich feministische Note.

Satyr Verlag, 978-3-910775-56-5, € 15,00

Anna Maria Praßler: Keine Party ist auch keine Lösung

Montag, noch vier Tage bis zu ihrem zehnten Geburtstag – und als Mia, die Neue in der Schule, total nett zu Jagoda ist, lädt sie sie zu ihrer Geburtstagsparty ein. Dabei weiß Jagoda genau, dass das eigentlich nicht geht, eine Party zu feiern. Ihr Mutter und sie wohnen im Frauenhaus, und es darf niemand, absolut niemand wissen, wo das ist. Außerdem darf Mia auch gar nicht wissen, dass sie überhaupt dort lebt, das könnte sonst gefährlich für alle werden. Aber mit Mia, das könnte eine echte Freundschaft werden: Da muss man doch anfangen eine Party zu planen! Mit Buffet und Lampions und Musik! Jagoda plant jeden Tag ein bisschen mehr und bittet dafür sogar andere um Hilfe. Ob das eine schöne Party wird?

Über den Lebensalltag von Kindern im Frauenhaus, darüber hatte ich noch keinen Roman gelesen. Und ich glaube, das ist auch der erste, den es überhaupt auf dem deutschen Markt gibt. Ich bin sehr froh darüber, denn der Autorin gelingt eine unglaubliche Sache: Sie schildert die Schwierigkeiten eines Lebens in einer solchen Zwangsgemeinschaft und sie verheimlicht dabei auch die Vorgeschichten nicht (das macht sie absolut altersangemessen!) – und trotzdem sind wir Leser:innen nicht mitleidig mit Jagoda. Sondern wir vertrauen auf ihr Tun, wir wissen einfach, dass sie das hinbekommen wird. Das ist kein Betroffenheitsbuch, sondern ein toller, cooler Roman für Menschen ab 9 Jahren. Jagoda ist im Übrigen gerade meine Lieblings-Kinderbuch-Figur!

Klett Kinderbuchverlag, 978-3-954703-11-1, € 16,00

Veronika Kracher: Bitch Hunt – Warum wir es lieben, Frauen zu hassen

Frauenhass im Internet – das kommt jedem, der in den sozialen Medien aktiv ist, „normal“ vor. Natürlich kommt es immer auf die eigene Bubble an, doch selbst in weitestgehend feministischen Räumen poppt er immer wieder auf. Dass das kein Zufall ist, analysiert Veronika Kracher in diesem Sachbuch. Anhand vieler Beispiele, die sich mit den genannten Fußnoten allesamt nachvollziehen lassen, führt sie aus, wie die Strukturen sind, welche Werkzeuge Verwendung finden, um Frauen systematisch zu erniedrigen und zu entmenschlichen. Das ist nicht schwer zu lesen, so ganz grundsätzlich, aber unglaublich schmerzhaft – mir kommt es vor wie ein Blick in die Hölle.

Erst das dritte Kapitel ist überschrieben mit „Was ist Misogynie?“. Damit wir diesen Begriff einheitlich verwenden und verstehen, erklärt Kracher (S. 48/49), dass sie ihn verwendet wie die Autorin und Philosophin Kate Manne, die Misogynie als Straf- und Kontrollmechanismus des Patriachats begreift. Alle Beispiele, alle Frauen, denen digitale Misogynie entgegenschreit, in sämtlichen Kapiteln, bestätigen diese Definition. Veronika Kracher erklärt nicht anhand einzelner Vorgänge, sondern setzt verschiedene Kampagnen gegen ganz unterschiedliche FLINTA (ich benutze den Begriff in diesem Zusammenhang ganz bewusst, weil ganz besonders queere Menschen misogyner Gewalt ausgesetzt sind) miteinander in Beziehung.  

„Bitch Hunt“ ist ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Leider. Was wir dem entgegensetzen können, das zeigt sich gerade auch: Unbedingte Solidarität, sowohl Online als auch im echten Leben.

Verbrecher Verlag, 978-3-957326-46-1, € 22,00

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