Die besonderen Urlaubs Empfehlungen (Juli) - Buchhandlung und Verlag Bornhofen in Gernsheim am Rhein

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Die Urlaubslieblinge des Monats August.
Susanne Martin empfiehlt:

Susanne Martin war viele Jahrzehnte Buchhändlerin in Stuttgart und ist auch heute noch mit Herzblut für Bücher in Stuttgart und im Internet unterwegs. Sie war in 2019 und 2021 schon einmal Gast beim traditionellen Urlaubsbuchabend.
Francesca Melandri: Eva schläft

Eva ist Anfang vierzig, als sie einen Anruf erhält, daß der Mann, den sie wie einen Vater geliebt hat, im Sterben liegt. Jahrzehnte hat sie nichts von ihm gehört, aber sie macht sich sofort auf den Weg aus ihrer Heimat Südtirol ganz hinunter in den Süden Italiens, wo Vito Anania lebt. Wir begleiten sie auf ihrer Zugreise durch das Land, während der sie sich an ihre Kindheit erinnert und von ihrer Mutter erzählt: Gerda, die von ihrem Vater verstoßen wurde und die Eva gegen viele Widerstände alleine großgezogen hat.

Ein tolles Buch! Es spielt in Südtirol (was ich sehr mag) und die Geschichte dieser Region bildet den Hintergrund für das Schicksal von Eva und ihrer Mutter. Melandri dringt tief in deren wechselvolle Geschichte, der Landschaft und ihrer Menschen ein. Sie erzählt von Gerdas Vater, dem Großvater Evas, der sich nie damit abfinden konnte, daß Südtirol nach dem ersten Weltkrieg Italien zugesprochen wurde, sich den Nationalsozialisten anschloss und nach dem zweiten Weltkrieg als gefühlskalter Mann zurückkehrte, der mit Frau und Kindern in ärmlichsten Verhältnissen, als “Optant” verachtet, lebt. Ihr Bruder Peter schließt sich dem Widerstand gegen die Italiener an und wird zum Terroristen, Gerda selbst wird als Küchenmädchen in ein Hotel geschickt, wo sie jedoch ihre Bestimmung als Köchin findet. Als sie schwanger wird, verstößt sie der Vater und sie kann nur weiterarbeiten, nachdem sie ihre Tochter Eva während der Saison in eine Pflegefamilie gibt. Eine kurze Zeit des Glücks erleben Mutter und Tochter, als Gerda Vito kennenlernt, einen italienischen Soldaten. Warum die Beziehung in die Brüche ging, weiß Eva nicht, aber sie vermisst Vito schmerzlich.

Diese Familiengeschichte bettet Francesca Melandri ein in die Geschichte Südtirols im 20. Jahrhunderts. Wir lesen über die Bomber, die ersten Unabhängigkeitskämpfer, die sich mit Gewalt gegen die Italienisierung ihrer Heimat wehren, die jedoch Gewalt gegen Menschen strikt ablehnen. Wir lesen über die Folter, die die italienische Polizei an den Gefangenen verübt und wie sich die Spirale der Gewalt immer weiterdreht. Wir lesen von Silvio Magnago, der gegen alle Widerstände versucht, eine Autonomielösung für Südtirol zu erreichen und der in Aldo Moro einen Gesprächspartner findet, der bereit ist, sich auf einen Dialog einzulassen. Und wir erfahren, wie der Tourismus sich zu einer tragenden Wirtschaftssäule entwickelt. Wie Fancesaca Melandri all diese vielfältigen Handlungsstränge miteinander verwebt, das fand ich einfach großartig!

Die Zugreise, auf die sich Eva begibt, ist die Rahmenhandlung und die Beschreibungen der Landschaften zeigen, wie vielfältig dieses Land ist. Eva wird während dieser Reise auch bewußt, daß sie Südtirolerin und Italienerin ist. Immer wieder fällt im Buch der Satz “Eva schläft”: Gleich zu Beginn im Prolog, als ihre Mutter Gerda die Annahme eines Päckchens an Eva von Vito verweigert, später, als ein Soldat zu Gerda ins Zimmer will und ganz am Ende, als Eva bei Vito ist und nach der langen Reise neben ihm einschläft – endlich hat sie innere Ruhe gefunden.

Fazit: Ein wunderbarer Lesegenuß, spannend, literarisch gelungen und anrührend – große Leseempfehlung!

Wagenbach Verlag, 978-3-8031-2805-8, Übersetzung Bruno Genzler, € 16,00

Beatrix Kramlovsky: Die Lichtmalerin

Der Verlag fasst den Inhalt kurz und bündig so zusammen: “Großmutter, Mutter und Tochter. Dazwischen zwei Kontinente, ein Jahrhundert und ein Geheimnis, das die Familie zerreißt: Marys Großmutter Rosa wird wie eine Heilige verehrt. Wenn Mary nach dem Grund fragt, bleibt ihre strenge Mutter Erika stumm. Wollte sie doch mit der Flucht nach Australien in den 1940er Jahren alles hinter sich lassen. Als alte Frau kehrt Erika in ihre Heimat zurück, und die Erinnerung kommt mit aller Macht wieder. Sie erzählt, und ihre Tochter Mary begreift, warum für die Frauen ihrer Familie Liebe immer nur Verlust bedeutet hat.” (© Hanser Verlag)

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, auch die Zeitebenen verschieben sich immer wieder ineinander. Am meisten erfahren wir von Mary, die immer ein problematisches Verhältnis zu ihrer Mutter Erika hatte. Diese war Zeit ihres Lebens unglücklich in Australien und kehrte sofort nach dem Tod ihres Mannes in ihre österreichische Heimatstadt Linz zurück.

Wir Leserinnen erfahren früher als Mary den Grund für Erikas ablehnendes Verhalten gegenüber ihrer Tochter: Mary ist ihrer Großmutter Rosa sehr ähnlich, die während des Krieges verbotene Bücher las, Menschen versteckte und schließlich nach Denunziation erschossen wurde.

Erikas schroffes, ablehnendes Verhalten ihrer Tochter gegenüber liegt in ihrer Angst begründet, daß Mary ähnliche Schwierigkeiten bekommen könnte, wie Rosa. Sie hat den Tod ihrer Mutter nie verwunden, ebenso wenig wie die Verluste, die sie danach in ihrem Leben noch hinnehmen musste. Mit ihrer Tochter jedoch sprach sie nie darüber. Erst als Mary nach einem Anruf einer alten Freundin ihrer Mutter nach Österreich reist, um für die mittlerweile dement werdende Mutter einen Pflegeplatz zu finden, enthüllt sich ihr die Geschichte der beiden Frauen nach und nach.

In ihren klaren Momenten spricht Erika dann von ihren Erlebnissen und von dem Groll, den sie gegen die Mutter hegte: Während viele Rosa für eine Heldin hielten, sorgte deren Verhalten im Erleben ihrer Tochter für große Ängste und sie macht sie letztendlich für die Zerstörung der Familie verantwortlich. Mary beginnt, ihre Mutter zu verstehen, und kann ihren Frieden mit ihr machen …

Neben der generationenübergreifenden Familiengeschichte ist dies ein Roman über den Verlust von Heimat und auch das Thema Migration schwingt durchgehend mit: Erika, die in Australien Ricky gerufen wird, hat den Verlust ihrer Heimat Österreich nicht verwunden und leidet ihr Leben lang unter Heimweh. Mary hingegen ist überzeugte Australierin. Auch sie muss, wie ihre Mutter, tragische Verluste hinnehmen, trotzdem fühlt sie sich wohl in dem Land, in dem viele Einwohner:innen ihre kulturellen Wurzeln in Europa haben: Sie liebt die Landschaft, das Meer und die Eukalyptuswälder. Erika hingegen fehlen zeitlebens die Tannenwälder ihrer österreichischen Heimat.

Mir hat dieser Roman wirklich sehr gut gefallen. Die literarische Konstruktion und die Dichte, in der Beatrix Kramlovsky erzählt, hat mich sehr angesprochen – sie erfordert allerdings auch eine gewisse Konzentration – so nebenher lässt sich das Buch nicht lesen. Aber wann, wenn nicht im Urlaub, hat man genau dafür Zeit! So jedenfalls, wie sich Mary langsam vorantastet und Licht in ihr Leben bringt, tasten auch wir Leserinnen uns voran im Leben dreier starker Frauen.

Von mir also eine absolute Leseempfehlung!

Deutscher Taschenbuchverlag, 978-3-446-27062-6, € 11,00
Carolina Conrad: Mord an der Algarve

Anabela Silva ist eine Journalistin, deren Eltern lange in Deutschland lebten, aber schon vor einiger Zeit in ihre Heimat an der Ostalgarve zurückgekehrt sind. Sie selbst lebt in Hannover, ist frisch geschieden und gerade dabei, sich eine neue Wohnung zu suchen, als ihre Mutter sich mit einem Nortuf meldet: Sie hat sich den Arm gebrochen und bittet ihre Tochter um Hilfe. Da es ja in Portugal auch “dieses Internet” gäbe, könne sie doch auch von dort aus ihre Kolumnen schreiben. Dieser Notfall kommt Bela, wie sie alle nennen, gerade recht und so fliegt sie in das Heimatdorf ihrer Eltern im Hinterland bei Alcoutim. Dort sterben seit einiger Zeit auffällig viele Senior:innen und Bela wird den Verdacht nicht los, daß das kein Zufall ist. Dann aber wird ein erschlagener Deutscher gefunden und der Chefinspektor der örtlichen Polizeibehörde, Joao Almeida, bittet Bela um Unterstützung, da sie fließend Deutsch und Portugiesisch spricht und so bei Zeugenvernehmungen übersetzen kann. Natürlich ist Bela neugierig und beginnt, selbst zu ermitteln, nicht zum Entzücken der Polizei. Sie trägt aber letztendlich zur Aufklärung des Falls bei, der mehr mit ihrer Familie zu tun hat, als sie ursprünglich dachte.

Der Übersetzungsjob bietet ihr eine überraschende Perspektive für eine Zukunft in Portugal und sie beschließt, dort zu bleiben. Die beginnende Alzheimer-Erkrankung ihres Vaters, aber auch der durchaus attraktive (wenn auch sehr eigenwillige) Inspektor Almeida tragen nicht unwesentlich zu diesem Entschluss bei. Es kann nicht ausbleiben, daß Anabela mit weiteren Mordfällen konfrontiert wird, an deren Aufklärung sie in mittlerweile vier Bänden tatkräftig mitwirkt.

Diese Krimis kamen mir gerade recht. Ich fand sie spannend und flott geschrieben, gewürzt mit einer Prise Humor. Der erste Band ist ausschließlich aus Anabelas Perspektive geschrieben, in den Folgebänden wechseln sich diese ab, erzählt wird abwechselnd aus Belas und Joaos Sicht. Was mir gut gefiel, ist, daß ich thematisch nicht nur einiges über Portugals Geschichte erfuhr, sondern auch über den portugiesischen Alltag. Das drängt sich nicht vor, sondern läuft im Hintergrund mit. Man merkt, daß Carolina Conrad (die eigentlich Bettina Haskamp heißt) die Region sehr gut kennt: Sie hat ihre Basis zwar in Hamburg, lebt und schreibt seit über zwölf Jahren jedoch überwiegend in Portugal.

Einzuordnen sind die Krimis in die Kategorie Cosy Crime: Sie sind nicht brutal, auch wenn es um Mord geht. Krimihandlung und das Privatleben der Figuren halten sich in etwa die Waage, wer gerne “richtige” Krimis liest, in denen die Ermittlungen im Vordergrund stehen, sollte eher nicht zu diesem Bänden greifen. Und wenn Sie sich jetzt fragen, ob diese Reihe sich mit den Krimis um den Ermittler mit Aspergersyndrom Leander Lost vergleichen lässt, würde ich sagen: Nur bedingt. Auch wenn sie, ähnlich wie diese Reihe, die Atmosphäre der Algarve wunderbar einfangen, sind die Lost-Romane doch deutlich mehr Krimi denn Roman.

Fazit: Wer spannende Unterhaltung sucht und sich auf die Reise nach Portugal machen möchte, wird mit dieser Reihe gut unterhalten.

Rowohlt Verlag, 978-3-499-27112-0, € 10,00

Ralf Schwob empfiehlt:
Sommerferien im Pott

Die 15-jährige Kim hat es nicht leicht: Obwohl sie in gutbetuchten Verhältnissen in einer Kölner Villa aufwächst, lässt ihr Stiefvater sie gern spüren, dass sie von ihm nur „angenommen“ ist. Auch mit ihrem kleineren Halbbruder kommt es regelmäßig zu Streitereien. Als diese bei einem Gartenfest der Familie aus dem Ruder laufen, muss Kim zur Strafe in den Sommerferien zu ihrem leiblichen Vater, den sie noch nie zuvor gesehen hat. Während der Rest der Familie nach Florida fliegt, verbringt Kim ihre Ferien auf einem öden Betriebshof in Duisburg, wo ihr Vater lebt. Tagsüber fährt er im Ruhrgebiet herum und versucht, mit wenig Erfolg, seine Markisen zu verkaufen, die er zu einem günstigen Preis aus DDR-Beständen übernommen hat. Als Kim – teils aus Langeweile, teils aus Neugier – ihn einmal bei einer seiner Vertretertouren begleitet und dabei erlebt, wie kläglich ihr sanftmütiger Vater jeden Tag als Markisenvertreter scheitert, beschließt sie, ihm zu helfen. Und das hat Folgen für alle Beteiligten …

Der Markisenmann ist eine komische und zugleich sehr anrührende Vater-Tochter-Geschichte, die immer die richtige Balance zwischen Ernst und Humor hält und nie ins Kitschige oder in den Klamauk abdriftet. Zugleich ist „Der Markisenmann“ eine klassische Geschichte über das Erwachsenwerden, denn Kim kommt während dieses Sommers hinter einige Familiengeheimnisse, und dass ihr Stiefvater und ihr leiblicher Vater früher einmal sehr gute Freunde waren, ist noch gar nicht das Größte davon …

Jan Weiler: Der Markisenmann, Heyne Verlag, ISBN 978-3-453-27377-1, € 22,00

Auf der Suche nach der Liebe fürs Leben

Jürgen lebt mit seiner pflegebedürftigen Mutter in Harburg und verdient seinen Lebensunterhalt als Parkhauswächter. Viele Freunde hat er nicht, außer seinem alten Kumpel Bernie, der seit einem Unfall im Rollstuhl sitzt und stets schlecht gelaunt über seine Mitmenschen herzieht. Jürgen hingegen ist ein positiv denkender Mensch für den das Leben voller Chancen ist, auch wenn der ein oder andere ihn für einen „armen Willy“ halten mag. Den beiden Freunden fehlt allerdings etwas zum vollkommenen Glück, und das ist natürlich die Frau fürs Leben. Warum es damit noch nicht geklappt hat, ist Jürgen auch nicht ganz klar, hat er doch fast sämtliche Ratgeber zu diesem Thema gelesen und deren Tipps auch bei seinen wenigen Verabredungen mit Frauen beherzigt. Allerdings ohne Erfolg. Nachdem die Beziehungsanbahnung also über Online- und Speed-Dating nicht zum erwünschten Erfolg führt, beschließen Jürgen und Bernie, sich professionelle Hilfe zu suchen und landen bei „Eurolove“, einer Partnervermittlung, die deutsche Männer mit polnischen Frauen zusammenbringt. Zusammen mit einer Handvoll anderer einsamer Männer fahren sie im Kleinbus nach Polen, wo sie in einem Hotel die vorher aus einem Katalog ausgesuchten Damen kennenlernen sollen …  

Der schräge Witz dieser Geschichte speist sich aus der Diskrepanz zwischen dem angelesenen Ratgeberwissen und dessen praktischer Umsetzung, bei der sich Jürgen immer selbst im Weg steht, gerade weil er weiß, wie es theoretisch funktioniert. Der Roman ist bevölkert von verschrobenen Männern (und auch ein paar Frauen), die aber in ihrer Kauzigkeit niemals vorgeführt werden.

Heinz Strunk: Jürgen. Rowohlt Verlag, ISBN 978-3-499-29041-1, € 10,00
Wenn die heile Welt aus den Fugen gerät …

Anjas Mann verkauft einfach ihr gemeinsames Haus und verlässt die Familie auf unbestimmte Zeit. Der jungen Mutter bleibt nichts anderes übrig, als mit der 6-jährigen Tochter Mina in ein heruntergekommenes Siedlungshäuschen in Bad Vilbel zu ziehen. Kaum hat sie den Schock über den desolaten Zustand des Hauses überwunden, da erfährt sie von einer Nachbarin, warum die Pfarrersfamilie, die vorher darin gewohnt hat, das Haus loswerden wollte: vor elf Jahren ist ihre kleine Tochter von dort verschwunden und bis heute nicht wieder aufgetaucht. Anja lernt in den kommenden Tagen und Wochen viele Leute aus der Nachbarschaft kennen und alle verhalten sich etwas merkwürdig. Da ist zum Beispiel der alleinerziehende Vater Bernd, der sehr hilfsbereit, aber auch fordernd ist. Oder der attraktive Arzt Karsten, der grundsätzlich keine Kinder behandelt. Und die alte Frau von gegenüber, die mit niemandem spricht, aber über alle Bescheid weiß. Vor allem aber freundet sich Anja mit Nerina an, die unter Panikattacken leidet und auf der ein dunkles Geheimnis lastet.

„Vater, Mutter, Kind“ ist ein gut konstruierter Thriller, der aus wechselnden Perspektiven erzählt ist. Dabei versteht es die Autorin, tiefgründige Figuren zu entwerfen, die einem mit voranschreitender Handlung immer in einem anderen Licht erscheinen. Ist Nerinas Sohn wirklich ein skrupelloser Drogendealer? Warum dringt die Pfarrersfrau nochmal in Anjas Haus ein? Was ist damals wirklich passiert? Und vor allem: Was ist eigentlich mit Anjas Noch-Ehemann Stefan los? Alle diese Fragen werden am Ende beantwortet, teilweise auf überraschende, aber immer auf durchaus glaubwürdige Weise.

Keller / Jensen: Vater, Mutter, Kind. BOD, 978-3-7534-0623-7,€ 13,99
Lucia Bornhofen empfiehlt:
Alastair Bonnett: Die allerseltsamsten Orte der Welt

Der Autor Alastair Bonnett nimmt Sie mit zu kleinen Inseln und Inselgruppen, in Enklaven und unsichere Nationen, zu utopischen, gespenstischen, versteckten Orten. Alastair Bonnett hat sie tatsächlich bereist. Wobei bereist nicht immer das richtige Verb ist, manche der Orte kann man nur ergründen. Nur im Kapitel „ungebärdige Inseln“ begegnen uns ausschließlich Orte, die man wirklich bereisen kann oder könnte: Es hängt davon ab, wie klein oder groß das Boot ist und ob es Aufbauten gibt, die den Zutritt verhindern. Bei fast allen genannten Inseln ist die Anreise weit, gefährlich außerdem. Nur die Verkehrsinsel, der letzte Eintrag in diesem Kapitel, ist ganz nah – hier gibt es nicht soo viel zu erkunden, aber reichlich zu verstehen.

Das zweite Kapitel „Enklave und unsichere Nationen“ beginnt vergleichsweise harmlos. Der Autor entführt uns Leser*innen in die Dolomiten, in ladinische Täler und sogleich möchte man dorthin reisen. Auch wegen der Landschaft – vor allem aber wegen der Sprache, die in vielfältigen Dialekten zu hören ist. Schwieriger wird es mit dem Sandwall in der Sahara. Und endgültig im Bereich von Gewalt sind wir angekommen, wenn Bonnet über das Ferghanatal und Neurussland schreibt. So schwierig geht es im Kapitel der Utopischen Orte weiter, das beginnt nämlich mit dem Islamischen Staat. Aber es endet mit einem zauberhaften, großartigen, die Phantasie beflügelnden Felsengarten in Indien zu dem auch Weitreisemuffel am liebsten gleich aufbrechen wollen.

Gespenstische Orte hat Bonnett sieben verzeichnet. Alle von Menschen gemacht, fast alle als großes Projekt geplant und dann irgendwie aus der Zeit gefallen. Ein Phantomtunnel, Fußgängerbrücken, der Drehort eines wahnwitzigen Filmprojektes. Mittendrin der Eintrag „Magisches London“ – den jeder, der jemals in London war, sofort nachvollziehen kann. Im letzten Kapitel widmet sich Bonnet versteckten Orten: Auch hier wieder in einer ungewöhnlichen Mischung. Da gibt es Orte, die uns unseren umweltzerstörenden Lebensstil vor Augen führen, und das komplett ohne Tafeln, Aufrufe oder erhobenem Zeigefinger. Ihre Existenz allein genügt. Andere Orte sichern Urheberschaften oder Territorialansprüche …

Dieses Sachbuch ist eine hochinteressante, vielfältige Zusammenstellung von Orten (aber auch Zeiten und Gegebenheiten) – jeder Satz macht klüger und bietet Stoff zum Nachdenken.

Verlag C. H. Beck, 978-3-406-78255-8, Übersetzung Andreas Wirthensohn, € 14,95
Rumer Goddon: Unser Sommer im Mirabellengarten

Vater Grey verbringt seine Zeit überwiegend auf Forschungsreisen. Mutter Grey und die fünf Kinder hingegen leben in aller Langeweile in der Belmont Road bei Onkel William. Joss ist die älteste, und fühlt sich natürlich meist erfahrener, als sie mit ihren sechzehn Jahren ist. Cecil mit ihren dreizehn ist die Erzählerin, auch, weil sie von allen am Besten französisch spricht. Und dann gibt es noch Hester, die arglos und direkt alles kommentiert, Will – Willymaus genannt – und die kleine Vicky. Die bisherigen Sommer haben sie, ausgestattet mit den immergleichen Picknicks, Spielzeugen und Gummistiefeln, am Strand verbracht, in den ausgemusterten, verblichenen Baumwollkleidern, die sie Vogelscheuchen nennen. Diesen Sommer will Mutter eine Bildungsreise mit ihnen machen: Joss und Cecil waren so ungezogen, dass sie ihnen die Schlachtfelder des Weltkrieges zeigen will, sie sollen sehen, was andere Menschen für ihr England gelitten haben.

Die Reise wird ganz anders als geplant. Es fängt damit an, dass Mutter am Tag der Abreise von einer Bremse gestochen wird und sich dieser Stich entzündet. Als sie endlich in Frankreich ankommen, ist sie kaum noch ansprechbar. Die Weiterfahrt an die Marne verschiebt sich auf den Nachmittag und dann geht es noch weiter bis zum Hotel.

Dort wird einer der Gäste, ein alleinstehender Herr namens Eliot ihr Fürsprecher. Er arrangiert die ärztliche Versorgung von Mutter, überredet die Managerin und die Eigentümerin des Hotels, dass alle bleiben dürfen. Aber es gibt auch einen anderen Eliot. Einen, der abweisend und eigenbrötlerisch ist. Die erste Woche ist Joss auch krank, sodass die vier ohne strenge Aufsicht sind – Cecil ist zur Strenge nicht geeignet. Als Joss wieder gesund ist, ändert sich schlagartig alles.

Auch wenn Eliot sich ein wenig in Joss verguckt – eine Romanze ist das Buch nicht. Und es gibt, auch wenn das absolut kein Krimi ist, sondern wirkliche eine Familiengeschichte, einen Kriminalfall und einen Toten. Mehr verrate ich aber nicht … „Sommer im Mirabellengarten“ atmet aus jedem Buchstaben Sonne, Sommer, Freiheit und das, obwohl die äußeren Umstände das eigentlich gar nicht vorsehen. Es ist eines der Bücher, die sich langsam entfalten - ohne harte Schnitte, ohne plötzliche Wendungen, eher spröde. Es entführt uns, auch durch die Sätze in französischer Sprache, die hineinverwoben sind, in ganz andere Welten!

Kampa Verlag, 978-3-311-15038-1, Übersetzung Elisabeth Pohr, € 13,00
Mhairi McFarlane: Du hast mir gerade noch gefehlt

Dieser Roman hier ist durchaus ein Liebesroman. Aber nicht nur: Dem Prolog entnehmen wir, dass eine wichtige, geliebte Person gestorben ist – wer, das erfahren wir nicht. Ich-Erzählerin Eve ist relativ analytisch, sie erzählt ausführlich aber überhaupt nicht kitschig.

Und dann geht die Geschichte eigentlich erst los. Mit einem Besuch im Pub. Vier Freunde – ein Traumteam seit der Highschool – spielen seit Jahren an nahezu jedem Donnerstag das Pub-Quiz mit. Gewonnen haben sie nie, Spaß haben sie immer. Da sind Justin und Ed, die beiden Männer des Kleeblattes, Justins hat einen sehr schwarzen Humor und ist dabei herzensgut. Ed ist zuverlässig, humorvoll und sorgsam – seine Freundin Hester ist das alles nicht. Zum Kleeblatt gehören noch Eve und ihre beste Freundin Susie, beide Single. Eve liebt, seit Jahrzehnten schon, Ed. Es ist ein ziemlich fragiles Gleichgewicht zwischen allen, das aber, weil sie sich wirklich gernhaben und offen miteinander umgehen, sehr gut funktioniert. An diesem Donnerstag kommt Hester mit dazu – und spontan macht sie Ed vor allen Anwesenden einen Heiratsantrag, er nimmt an. Eve und Susie sollen die Brautjungfern sein, sie werden gute Miene zum bösen Spiel machen müssen.

Der Todesfall ändert alles. Und er bringt Finlay ins Spiel, mit dem Eve vor zwanzig Jahren den ersten Kuss ihres Lebens hatte. In der Zeit vor ihrer Liebe zu Ed. Neben der Organisation der Beerdigung sind es Eve und Finlay, die sich um den dementen Vater der verstorbenen Person kümmern. Finlay ist zwar das Geschwister und somit der Sohn des Dementen, aber zwischen allen Familienmitgliedern herrscht tiefstes Schweigen; Eve ist selbstverständlich überzeugt, dass Finlay der Schuldige am Familienzwist ist. Als der Vater verschwindet, machen die beiden sich gemeinsam auf die Suche und landen dabei in einem Hotel in Schottland …

Wer hier mit wem glücklich wird – Ed mit Hester, Ed mit Eve, Susie oder Justin? – das erschließt sich erst im Laufe des Romans nach vielen Verwicklungen. Und ja, da steckt auch viel Trauriges drin. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, bekommt hier einen wirklich toll geschriebenen und überhaupt nicht platten Liebesroman.

Die Autorin Mhairi McFarlane hat noch mehr Romane geschrieben, ihren ersten hatte ich damals auch gelesen („Wir in drei Worten“ war das) – ich kann das alles nur empfehlen!

Verlag Droemer Knaur, 978-3-426-52271-4, Übersetzung: Marie Hochsieder, € 11,99
Herbert Dutzler: Letzter Kirtag

Dieser erste Band der Altaussee-Krimis hat viel „Gegend“, wie man das von Regionalkrimis kennt. Er hat einen ungewöhnlichen Ermittler, wie man das von Regionalkrimis kennt. Er besticht an vielen Stellen durch hintergründigen Humor, wie man das von Regionalkrimis kennt.

Und doch ist das kein üblicher Regionalkrimi. Was sicherlich auch daran liegt, dass der Autor, Herbert Dutzler sich mit Kriminalromanen auskennt, seine Diplomarbeit hatte sie zum Thema. In manch anderem Roman gibt es zwar Tote, aber irgendwie keinen schlüssigen Grund. Hier hingegen sind das Warum und das Wie relevant und durchaus realistisch, gar nicht platt sondern hintergründig und wichtig. Und trotzdem unterhält dieser Krimi wunderbar! Ich habe oft geschmunzelt, einiges gelernt, mich auch manchmal gewundert. Aber ich habe wirklich jede Seite genossen.

Worum geht’s? Am Montag der Kerb (in Altaussee heißt sie Kirtag …) findet Polizist Gasperlmaier frühmorgens im Festzelt eine Leiche. Er kennt den feinen Herrn nicht, und sympathisch ist er ihm auch nicht, trägt er doch eine neue (!) Lederhose. Er hat sich wohl anbiedern wollen – als Einheimischer trägt man alte Lederhosen. Und ausgerechnet am Kirtag ist er im Festzelt zu finden: Das wird abgesperrt werden müssen während der Untersuchungen. Die Altauseer werden den letzten Kirtag gar nicht feiern können. Kurzentschlossen schafft Gasperlmaier die Bank, auf der die Leiche saß, ins nächste Gebüsch und will die Leiche dazulegen. Allerdings kommt der erste Bierwagen und er schafft es nur noch ins Pissoir mit dem Toten. Dorthin ruft er dann die Kameraden – und das alles ist im Nachhinein eine wirklich saublöde Idee! Gasperlmaier wird seiner Christine am Abend einiges zu beichten haben.

Völlig verblüfft ist er, als Kommissarin Frau Dr. Kohlross ankommt und die Ermittlungen in die Hand nimmt. Eigentlich sollte es ja normal sein, dass auch Frauen Mordermittlungen leiten – nur ist es ihm halt noch nicht passiert. Und dass die Frau dann auch noch adrett ist und schön anzugucken, das macht es nur noch schlimmer. Einen messerscharfen Verstand scheint sie auch zu haben. Falls Sie jetzt glauben, Gasperlmaier wäre einer dieser lüsternen Deppen: Das stimmt absolut nicht. Nur scheint er sich, gedanklich und im Tun, immer wieder einfangen zu müssen. Er neigt tatsächlich dazu, erst einmal alle Fettnäpfchen, auch die frivolen, mitzunehmen. Seine Versuche, richtiger zu handeln, machen manchmal alles nur schlimmer …

Am gleichen Tag wird im Altausseer See eine Frauenleiche gefunden – und es stellt sich heraus, dass das die Gattin des ersten Mordopfers ist. Hat es jemand auf die Familie abgesehen?

Weil Kirtag ist und man ja auch mal Pause machen muss, findet das Mittagsmal vor dem Festzelt statt – Gasperlmaiers Finte hat nichts genutzt, am Vormittag war die ganze Wiese inklusive Zelt gesperrt, aber die Spurensicherung war wirklich schnell und das ganze Dorf kann jetzt feiern. Mittagsmahl also, mit Brathendl und Bier, und ausgerechnet das nimmt ein Kamerateam auf! Und so sieht sich Gasperlmaier, am Feierabend und nachdem er Christine alles gebeichtet hat, in der Abendschau – kommentiert damit, dass die Polizei nix besseres zu tun hat, als zu feiern! Trotzdem ist die Nacht ruhiger als gedacht. Allerdings endet sie sehr früh mit einem Anruf: Ein dritter Toter ist gefunden worden …

Haymon Verlag, 978-3-8521-8870-6, € 14,95

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