Belletristik Lieblinge in 2019 - 2018 - BUCHHANDLUNG

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unsere Belletristik-Lieblinge in 2018:
Wieder aufgelegt!

Vor dem stimmungsvoll gezeichneten Hintergrund einer südhessischen Kleinstadt in den siebziger Jahren schildert Ralf Schwob eine berührende Familiengeschichte. Erzählt wird von der depressiven Erkrankung der Mutter, von der Sprachlosigkeit des Vaters und dem allmählichen Aufbruch des Sohnes, der sich von seinen Eltern lösen muss, um erwachsen werden zu können. In der Kunst findet der Junge schließlich eine Möglichkeit, das Ausgeschwiegene und Unsagbare zu gestalten.

Für Leser aus dem Kreis Groß-Gerau ist das Buch zudem von großem regionalem Interesse, denn Orten wie der „Zuckerfabrik“, dem „Safariland“ oder dem „Wunderland der Märchen“ wird in der Erzählung ein kleines literarisches Denkmal gesetzt.

„Ralf Schwob besticht durch eine klare, einfach einfache Sprache, die mit wenigen Worten viel erzählt.“ SWR
Das ist übrigens tatsächlich der Klappentext, im Gegensatz zu den sonstigen Buchbesprechungen. Denn Ralf Schwobs literarisches Kleinod durften wir im Bornhofen Verlag neu auflegen, es ist überarbeitet und hat ein unglaublich passendes, beeindruckendes Cover bekommen – Christine-Katharina Krämers Gemälde „Silencio“ ist eine Reaktion auf die Lektüre von „Der stillste Tag im Jahr“.

Ralf Schwob: „Der stillste Tag im Jahr“, Bornhofen Verlag, 978-3-981495-58-4, € 14,00

Eine Bettszene

Eigentlich besteht dieser Roman von Graham Swift zur Hälfte aus nicht viel mehr als einer Bettszene zwischen einem jungen, selbstbewussten Dienstmädchen und einem jungen Herrn der höheren Kreise, der in wenigen Wochen heiraten soll. Es wird ihr letztes Zusammensein sein, es ist Frühjahr, Veränderungen liegen in der Luft in diesem Jahr 1924. Niemals zuvor und niemals später werden sie in seinem Bett zusammenkommen, und dass er sie dazu einlädt ist ein besonderes Abschiedsgeschenk. Dafür hat er seine Familie belügen müssen, seine Verlobte auch und sie selbst ist sich unsicher, welche Erwartungen er für diese Stunden an sie hat. Nicht bezüglich des eigentlichen Aktes, da vertrauen sie aufeinander und auf ihre Körper, die sich in ihrer Nacktheit ergänzen und irgendwie gegenseitig schützen. Aber was ist danach? Soll sie einfach liegenbleiben, während er sich ankleidet? Soll sie danach das Bett frisch beziehen? Es hat diesen verdächtigen Fleck. In welchem Verhältnis stehen sie eigentlich? Dass dieser Tag noch viel Unglück beinhalten wird, dass weiß sie erst später ...

Graham Swifts Hauptdarstellerin reflektiert diesen so besonderen Tag mit fast siebzig Jahren Abstand, sie lotet die eigenen Gefühle aus, die Gesellschaft damals und heute. Wir Leser werden dabei gerade nicht zum Voyeur - auch wenn die Darstellungen durchaus explizit sind -, denn im Vordergrund stehen tatsächlich Gedanken und Gefühle. „Ein Festtag“ ist ein kleiner, feiner Roman, dessen Inhalt weit übers eigentliche Thema hinausweist.

Graham Swift: „Ein Festtag“, dtv, 978-3423-14677-7, € 10,90, eBook € 9,99
Eine Freundschaft

Ganz freiwillig ist diese Freundschaft nicht: Lazy wäre viel lieber mit Elsie zusammen, Elsie, die so gut duftet und so entspannt und lustig ist. Aber Elsie hat sich von Lazy getrennt – schwer zu verkraften für den 20-Jährigen, der noch dazu schwer erkrankt ist. In Vitas Leben hingegen ist es aus ganz anderen Gründen ruhig geworden, der Sohn lebt in Australien, der Mann ist verstorben und von den Nachbarn ist eigentlich auch keiner mehr da. Außer Lazy, den kennt sie schon als Kind und hat ihn damals überhaupt nicht gemocht. Auch jetzt hat sie eher das Gefühl, eine Hilfeleistung zu unterlassen, wenn sie ihn nicht durchfüttert – und darum füttert sie ihn durch. Auch wenn er isst wie ein Spatz. Irgendwann sind die beiden miteinander so vertraut, dass sie einander auch auf dem letzten Weg begleiten wollen …

Wie diese beiden so unterschiedlichen Charaktere sich annähern, wie sie langsam ihr Mitgefühl füreinander entdecken, ein Gefühl neben dem puren Verantwortungsbewusstsein, das beschreibt die Schweizerin Angelika Waldis ganz großartig, eher unterkühlt und mit wechselnden Erzählern. Wir finden, der Klappentext stimmt ganz genau: „Ein Roman, der mit Wucht und Herzensgüte vom Leben erzählt.“

Angelika Waldis: „Ich komme mit“, Verlag Wunderraum, 978-3-336-54797-5, HC €20,00; eBook € 14,99

Vielfältig

Wissen Sie noch, was Sie mit Ihrer besten Freundin gemacht haben, damals, in Grundschulzeiten? Oder auch, was ein anderes Ich für Ideen gehabt hätte mit einer erträumten Freundin? Könnten Sie sich vorstellen, im Alter ein Zimmer mit einer Freundin zu teilen, die nicht nur hilfsbereit sondern manchmal auch richtig boshaft ist? Was würden Sie machen, wenn Ihre Freundin einem Mann hinterherweint, der sich gerade in Sie verliebt hat – und Sie sich in ihn?

Die zwölf Autorinnen der spannend-unterhaltsamen Anthologie „Freundinnen“ haben sich Geschichten ausgedacht, die vor allem durch ihre Wahrhaftigkeit bestechen. Genauso und nicht anders ist es oder könnte es sein mit der Freundin, genauso war das damals – zumindest erkennt man als Leserin das Gefühl, das in den Geschichten steckt. Dabei hat jede Erzählung einen anderen Ton, sie sind nicht nur stilistisch unterschiedlich, sondern auch die Ideen dahinter sehr vielfältig. Ein paar Romanauszüge ergänzen die Kurzgeschichten, hier sind Beginn und Ende so sorgfältig gewählt, dass auch diese Auszüge „rund“ sind. Und so liest man Text nach Text und freut sich über jede Frau im eigenen Leben.

„Freundinnen“, Diogenes Verlag, € 10,00, 978-3-257-24425-0

Familiengeschichte

Simon Havlicek steht mit beiden Beinen im Familienleben. Nach Tochter Leas Geburt hatte er das Familieneinkommen verdient, seit Lilly auf der Welt ist, kümmert er sich um Kinder und Haushalt. An einem dieser Tage, an dem noch das Frühstücksgeschirr auf der Spüle steht, wenn fürs Abendessen eingedeckt werden muss, einem dieser Tage, die einen vollkommen erschöpft zurücklassen, kommt ein Brief vom Sozialamt – von ihm werden fast 700 € Zuschuss zur Pflege des Vaters verlangt. Dabei hat Simon diesen „Vater“ nur dreimal gesehen, bisher kein Wort mit ihm gewechselt und seine Kleinfamilie hat sowieso kein Geld übrig, wo doch das Haus abbezahlt werden muss. Nach einem irritierenden Gespräch mit dem Sachbearbeiter des Sozialamts macht Simon sich auf den Weg ins Pflegeheim …

Das Cover wirkt ein wenig altbacken und auch mit dem Klappentext gewinnt man nur bedingt Leser (finden wir). Dabei ist das wirklich, wirklich schade! Stephan Bartels schreibt überaus lebhaft und ausgesprochen witzig  - und sein Buch ist trotzdem alles andere als belanglos. Verpackt in Simon Havliceks Geschichte (lesen Sie unbedingt auch „Dicke Freunde“!) schreibt er über große Themen der Zeit, über Familie, Sterbehilfe, Pflege, Zusammenhalt und Freundschaft. Und eine kleine, beeindruckende Rahmengeschichte über den Prager Frühling gibt’s obenauf.

Stephan Bartels: „Vatertage“, Heyne Verlag, € 12,99, eBook € 9,99, 978-3-453-43898-9   

Georgien

Im Oktober ist wieder Frankfurter Buchmesse und in diesem Jahr ist Georgien das Gastland. Wir nutzen das immer gerne, um mehr über Land, Leute und Literatur zu erfahren; rund ums Gastland gibt es immer eine Vielzahl Neuübersetzungen und damit Originalstimmen. Da schreiben keine Reisenden über ein Land, in dem sie ein wenig Zeit verbrachten, sondern Menschen, die dort leben (oder lebten) schildern ihren Alltag. Zum Teil mystisch verbrämt, zum Teil sehr realistisch, oft mit viel Humor und Liebe, meist mit großem Feingefühl für die Mitmenschen.

Einen guten Einblick in georgische Literatur von Frauen gibt die edition fünf mit „Bittere Bonbons – Georgische Geschichten“. Ein Großteil der Texte ist extra für dieses Buch ins Deutsche übertragen worden, es sind jeweils Ausschnitte aus Romanen – aber sie lassen sich auf Grund ihrer Eigenständigkeit auch als Kurzgeschichten lesen. Man merkt ihnen an, wie schwierig das Leben in Georgien sein kann, aber auch mit welcher Freude viele Menschen in diesem Land an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien leben. Gehen wir gemeinsam auf Entdeckungsreise!

„Bittere Bonbons – Georgische Geschichten“, edition fünf, 978-3-942374-93-4, € 22,00

Das Falsche tun, um das Richtige zu erreichen?

Hans ist noch in der Grundschule, als sein Vater ihn zum Boxtraining anmeldet – als Außenseiter muss er sowohl lernen, seine Energie zu bündeln, als auch, sich rechtzeitig zu wehren. Nach dem frühen Tod der Eltern schickt ihn seine einzige Verwandte ins Internat, sie schreibt ihm fast keine Briefe und so verbringt er seine Zeit mit Büchern und heimlichem Boxtraining mit Pater Gerald. Umso überraschter ist Hans, als sie kurz vor dem Abitur zu ihm kommt und ihm vorschlägt, anschließend in Cambridge zu studieren. Nicht um einen besonders guten Start ins Arbeitsleben zu haben, sondern um Ermittlungen im Pitt-Club, einem besonderen Club für boxende, elitäre Studenten anzustellen. Es überrascht ihn selbst, dass er sich wirklich auf den Weg nach England macht …

Takis Würger hat ein grandioses Buch über Machtstrukturen und Wahrnehmung geschrieben, über Gut und Böse und alle Grautöne dazwischen. Sein schmaler Roman hallt noch lange nach, auch weil sich erst sehr langsam abzeichnet, für was der Club steht.

Takis Würger: „Der Club“, Kein & Aber, 978-3-03-695972-6, € 12,00, eBook

Skurril und schwarzhumorig

Torvald und Gunnar Vega betreiben in einem Fjord in Nordnorwegen eine Lachszucht, großer Gewinn und maximale Umweltverschmutzung inklusive. Als eines der Netze gesprengt wird und 200 000 Zuchtlachse entwischen können, haben sie Probleme – „ihr“ Invester Alex Platou befürchtet schlechte Publicity und schickt darum einen Schnüffler. Bruder Einar hingegen, der Polizeichef des Ortes, tut sein Möglichstes, alles als Unfall darzustellen. Leo Vangen, der eigentlich Rechtsreferendar ist, weil er nie die letzte Prüfung zum Rechtsanwalt abgelegt hat, Leo Vangen weiß auch nicht wirklich, wie er seine Rolle als Schnüffler erfüllen soll. Und Jokke, der Ökoterrorist, der das Netz gesprengt hat, ist heilfroh, Rino kennenzulernen, der sich in der Natur doch sehr viel besser auskennt. Erna die Naturschützerin hingegen gerät in Gefahr, obwohl sie nichts getan hat …

Lars Lenth hat eine höchst unterhaltsame und reichlich spannende Geschichte ersonnen, deren Personal herrlich skurril ist. Dabei ist der Hintergrund (Lachszucht und Umweltzerstörung) durchaus relevant – und so in die Handlung eingebettet, dass wir Leser viel lernen und dabei kein bisschen belehrt werden. Ein absolutes Highlight des Frühjahrs!

Lars Lenth: „Der Lärm der Fische beim Fliegen“, Limes Verlag, ISBN 978-3-8090-2691-4, € 18,00, eBook € 13,99   

Großvater sein …

Willem ist mit ganzem Herzen Bauer. Erst eine Krankheit nötigt ihn, die Tiere weg- und den Hof aufzugeben. Und was jetzt tun mit der vielen Zeit? Sohn und Tochter führen ein gänzlich anderes Leben und er hatte schon lange nichts mehr wirklich mit ihnen zu tun. Seine schlechte Laune bessert sich auch nicht, als die Tochter ihren Sohn regelmäßig für ein paar Stunden zu Willem bringt – sie hat gerade keine andere Betreuungsmöglichkeit. Erst als Großvater und Enkel ihre gemeinsame Neigung zu alten Lanz-Traktoren entdecken und einen solchen gemeinsam aufarbeiten, finden sie zusammen. Willem merkt, wie wichtig ihm Finn wird und so macht er ein Versprechen, das er nur schwer wird einhalten können: Er wird mit ihm nach Speyer zum Lanz-Bulldog-Treffen fahren. Willem setzt alles daran, dieses Versprechen einzulösen, doch es kommt anders als erwartet …

Kein bisschen kitschig ist diese Familiengeschichte von Jan Steinbach – auch wenn sie durchaus gefühlvoll ist. Der kauzige Willem wird nicht plötzlich zum Paulus, die verdrängte Familientragödie nicht plötzlich völlig unwichtig, sondern es ist die so glaubhafte Entwicklung der Personen, die dieses Buch – auch – so lesenswert macht. Dass Willem bei seiner Reise durch Gernsheim kommt, das sei hier nur am Rande erwähnt.

Jan Steinbach: „Willems letzte Reise“, Rütten & Loening, 978-3-352-00909-0, € 14,00, eBook € 10,99  

Neubeginn

Kein Gespräch, kein Kontakt, jahrelang. Und nun muss Karl sich doch auf den Weg ins Haus seiner Kindheit machen – die Mutter liegt nach einer Operation auf der Intensivstation und der Vater, der sein gesamtes Erwachsenenleben in einer Art Symbiose mit der Mutter lebte, der Vater hat Suizid begangen, weil er nicht ans Überleben seiner Frau glaubte. Im Haus erwartet ihn der Assistent der Eltern, für Karl eine überraschende Situation: Er hat zwar damit gerechnet, den Künstlerhaushalt auflösen zu müssen, aber mit einer Art „Nachfolger“ konfrontiert zu werden, das bringt ihn aus dem Konzept. Und gleichzeitig muss er sich mit der eigenen Kindheit und Jugend auseinandersetzen, damit, nie wirklich angekommen zu sein im Leben der Eltern. Karl stellt alles in Frage – auch sein eigenes Künstlerleben …
 
Was eine weinerliche Abrechnung mit den Eltern hätte werden können, ist stattdessen ein kraftvoller, sprachlich ansprechender Roman über Verantwortlichkeiten und Verantwortung. Anne Reinecke zeichnet Karl nachvollziehbar und durchaus bodenständig, sie gibt ihm mit der jungen Tanja eine Gegenspielerin an die Seite, die frisch und liebenswert ist und kein bisschen naiv wirkt. Anne Reinecke werden wir jedenfalls gut im Auge behalten!

Anne Reinecke: „Leinsee“, Diogenes Verlag, HC € 24,00, eBook € 20,99

Köstlich

Nicht mehr jung und noch nicht alt – zwischen 45 und 55 ist man irgendwie, ob man will oder nicht, in einer Phase der Neuorientierung. Was gefällt mir? Wie will ich leben? Und wo, verdammt noch mal, ist meine Lesebrille? Die einen trifft es mehr, die anderen weniger, aber alle müssen den Tatsachen ins Gesicht sehen: Wir sind nicht mehr jung.
 
Maxim Leo und Jochen Gutsch sind genau in diesem „Zeitalter“ angekommen. Vor allem aber sind die beiden wirklich cool und halbwegs gelassen: Ihr „Trostbuch für Alterspubertierende“ ist eine zutiefst unterhaltsame Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes. Sie nehmen sich selbst und die Welt um sie herum überhaupt nicht ernst, weder beim Headbangen der Kahlköpfe noch beim Einkaufen für die neue Lieblingssportart … Jedenfalls haben wir eine neue Redewendung gefunden, die plötzlich überall passt: Es ist nur eine Phase, Hase.

Maxim Leo & Jochen Gutsch: „Es ist nur eine Phase, Hase“, Ullstein Verlag, HC € 12,00, eBook € 10,99

Sehr cool

Man kann sich der Literatur auf die verschiedensten Arten annähern – durch Buchempfehlungslisten, Literatursendungen, Besuche in Buchhandlungen und Bibliotheken. Oder man steckt die Nase in eines der Bücher über Bücher, manche heißen Kanon und beanspruchen für sich, alles gelistet zu haben, was man gelesen haben muss.

Martin Thomas Pesls Buch der Schurken ist anders. Es ist, so sagt der Autor, eine subjektive – wir finden, auch höchst unterhaltsame – Zusammenstellung von 100 SchurkInnen quer durch die ganze Weltliteratur, eingeteilt in verschiedene Kategorien von „Die Gierigen“ bis „Die Könige des Verbrechens“ - ich mag ja „Die Ungreifbaren“ am liebsten. Es ist eine Zusammenstellung, die man nicht am Stück genießen kann, dann ergibt das vermutlich ein einziges Durcheinander. Aber für ein paar Minuten Anregung und Lesevergnügen immer wieder zwischendurch, dafür ist das Buch wie geschaffen! Und die Illustrationen sind nahezu genial …

Martin Thomas Pesl: „Das Buch der Schurken – die 100 genialsten Bösewichter der Weltliteratur“, btb, € 12,00, eBook € 14,99

Die Kraft der Musik

Rami ist mit nichts als seinem kleinen Koffer unterwegs, alles andere musste er bei seinem überstürzten Aufbruch zurücklassen. Auch wie es seiner Familie geht, weiß er nicht. Und nun sitzt er, zusammen mit ein paar anderen ihm völlig unbekannten Menschen in einem maroden Schlauchboot, ohne Steuer, ohne Ruder und sie alle versuchen, sich dem Unglück der Nacht entgegen zu stellen. Die kleine Gemeinschaft teilt Essen und Getränke – nur Rami hat nichts, was er zurückgeben kann, darum lehnt er alle Angebote ab. Bis er gefragt wird, was denn in seinem Koffer ist …

Selten hat mich ein so kurzes Buch so berührt. Es erzählt über die Menschen im Boot nicht viel mehr, als ich kurz umrissen habe – aber dann fängt Rami an, mit Hilfe der Geige aus seinem Koffer eine Geschichte von Mut und Freiheit und Liebe zu erzählen, die sie alle durch die Nacht trägt. Am Ende wie am Anfang ist nichts gut für die acht im Boot, die wie viele tausend Menschen derzeit auf der Suche nach einem besseren Leben sind und dafür alles, wirklich alles riskieren. Aber am Ende des Buches, nach Ramis Geschichte, wohnt in ihnen allen der Funken Hoffnung, der aus einem Dahinvegetieren wirkliches Leben macht. Dieses schmale, kunstvoll illustrierte Buch ist eine begeisternde Rede für Menschlichkeit und Freiheit.

Gill Lewis: „Der Klang der Freiheit“, arsEdition, € 10,00, ISBN 978-3-8458-2601-1

Der Fahrstuhl zum Glück ....

Wirklich glücklich sind sie nicht. Nicht die Linn mit ihrem Übersetzerjob, dem kleinen Haus, das viel zu viel kostet und der pubertierenden Julie. Und schon gar nicht der Franz, der statt als Rockstar sein Geld nur mit Gitarrenunterricht verdienen muss. Richtig unglücklich werden sie, als Franz auf dem Nachhauseweg fast in einen tödlichen Unfall verwickelt wird und er ausgerechnet beim ungeliebten Seminar "Fahrstuhl zum Glück" - die Linn hat ihn ausgetrickst, so dass er teilnehmen muss - dem Geist des Toten begegnet. Die Linn glaubt nicht an Geister, sondern nur an die Unwilligkeit von Franz. Und Franz muss jetzt zusehen, dass er Egon wieder loswird. Wobei: Wer will hier eigentlich wen loswerden? Und warum?
In feinstem Wiener Schmäh erzählt Ingrid Kaltenegger in ihrem Debutroman die Geschichte zweier Menschen, die miteinander nicht können und ohne einander auch nicht. Und die Geschichte einer großen Liebe, die sechs Jahrzehnte überdauert, auch wenn die beiden Liebenden sich nicht sehen. Die Geschichte kippt nicht ins Kitschige, nicht ins Überdrehte und auch nicht in schenkelklopfenden Witz - ganz im Gegenteil, Kaltenegger hält ganz fein und sehr gekonnt die Balance zwischen Unterhaltung und Ernst. Auch wenn man den Haupterzähler, den Franz, manchmal ein bisschen schütteln möchte ...

Ingrid Kaltenegger: "Das Glück ist ein Vogerl", Hoffmann und Campe, HC € 20,00, eBook € 15,99, Hörbuch € 19,99, ISBN 978-3-455-00149-5

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