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hr-iNFO Büchercheck:

hr-iNFO Büchercheck vom 27.04.2017


Bill Clegg: „Fast eine Familie“
„Fast eine Familie“ heißt der Debütroman des 47-jährigen amerikanischen Autors Bill Clegg. Neben seiner Arbeit als Schriftsteller ist dieser Bill Clegg ein renommierter New Yorker Literaturagent. Er weiß also mutmaßlich, was einen guten Roman ausmacht.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Am Anfang dieses Romans steht  die Katastrophe - eine Explosion, die ein ganzes Haus zerstört und vier Menschen in den Tod reißt. Es ist das Sommerhaus einer New Yorker Kunstagentin, deren Tochter dort am nächsten Morgen heiraten sollte. Die Tochter und der Bräutigam gehören zu den Opfern, ebenso der Exmann und ihr Geliebter – June, jene Kunstagentin, ist vollkommen verstört, setzt sich in das Auto des Brautpaars und fährt los, immer weiter – bis sie im Auto irgendwann die Tagebücher ihrer Tochter entdeckt und sich von denen quer durch die USA leiten lässt, auf einer Art Trauerreise.

Wie ist es geschrieben?
Erzählt wird aus elf verschiedenen Perspektiven, mit den Stimmen von elf Menschen, von denen jeder in einer Beziehung zu den vier Todesopfern stand – und aus diesen Erzählungen setzt sich nach und nach die Geschichte dieser Katastrophe zusammen – wobei nicht nur erzählt, wie es zu dieser Explosion gekommen ist – es gibt da auch einen Schuldigen, aber das Faszinierende und Wunderbare dieses Buches ist, dass aus der Frage nach der Schuld die Frage danach wird, was die Menschen trennt und was sie trotz aller Spannungen und aller Unterschiede miteinander verbindet. Mit jeder neuen Stimme, mit jeder neuen Perspektive verändern sich  die Figuren, verschiebt sich – wie in einem Kaleidoskop unser Bild dieser amerikanischen Gesellschaft, die June, die Kunstagentin von Ost nach West durchfährt, bis sie am Schluss an der Pazifikküste zur Ruhe kommt – was Bill Clegg in ein letztes großartiges Bild der Entspannung fasst:

„Und kein Mensch wird sich an uns erinnern – wer wir waren und was hier geschehen ist. Sand wird über die Pacific Avenue und gegen die Fenster des Moonstone Motels wehen, und neue Menschen werden kommen und den Strand hinunter zum großen Ozean gehen. Sie werden verliebt sein oder verloren, und sie werden keine Worte haben. Und das Rauschen der Wellen wird für sie klingen wie für uns, als wir es das erste Mal gehört haben.“

Wie gefällt es?
Der Roman entwickelt einen Sog, obwohl oder gerade weil er so unspektakulär und ganz nah bei den Figuren bleibt. „Fast eine Familie“ ist auf den ersten Blick kein politischer Roman, sondern ein Roman, der nur im Privaten spielt – aber dieses Private erweist sich als äußerst politisch. Dieser Roman zeigt ein Amerika, in dem sich Menschen umeinander kümmern, ein Amerika, in dem Menschen trotz aller Unterschiede für einander da sind, die sich unterstützen, ihre Differenzen überwinden, um das, was in Trümmern liegt, wieder aufzubauen. Das ist rührend ohne kitschig zu sein, das ist intensiv ohne pathetisch zu werden, und es ist so ganz anders als das grelle Bild eines lauten und rücksichtslosen Amerika, das derzeit Konjunktur zu haben scheint. Insofern ist „Fast eine Familie“ auch ein Anti-Trump-Roman und zwar ein sehr guter.

Bill Clegg: „Fast eine Familie“, S. Fischer Verlag, 22 EUR, ISBN: 9783100023995

Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 20.04.2017


Annie Proulx: „Aus hartem Holz“
Wenn Sie noch eine Erinnerung an „Lederstrumpf“ haben, dann fühlen Sie sich in Annie Proulx neuem Buch fast ein bisschen wie zu Hause. Ihre Geschichte beginnt im späten 17. Jahrhundert im Grenzgebiet zwischen den französischen und englischen Kolonien an der Ostküste Nordamerikas. Der eigentliche Held ist die Natur. Der Urwald Nordamerikas. Für die Indianer ist er Lebensraum, der sie ernährt, dem sie sich anpassen. Für die Kolonisten ist er Nutzfläche, die sie ausbeuten.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Annie Proulx erzählt die Geschichte dieser rücksichtslosen Landnahme von ihrem Beginn Ende des 17. Jahrhunderts bis in unsere Zeit. Im Mittelpunkt stehen zwei französische Einwanderer und ihre Nachfahren. Einer ist René Sel, ein geschickter Holzfäller, der eigentlich nur ein eigenes Stück Land bewirtschaften will und eine Indianerin heiratet.  Der andere ist Charles Duquet, ein schwacher, aber gerissener und skrupelloser Geschäftemacher der schnell zu Geld und Ansehen kommt und sich eine Frau aus Frankreich besorgt. An diesen beiden und ihren Nachfahren stellt Proulx die Schicksale der Menschen, ihre Chancen und ihre Verlorenheit dar. Die einen bauen ein Holz- und Handelsimperium auf, die anderen fühlen die Zerrissenheit zwischen indianischer und französischer Herkunft immer wieder und kommen nicht auf die Erfolgsspur. Irgendwann kreuzen sie sich dann. Und immer stehen diese Menschen und ihr Tun in einem Wechselverhältnis zur Natur. Entweder versuchen sie im Einklang mit ihr zu leben oder sie versuchen, sie sich zu unterwerfen. Am Ende sterben sie natürlich alle, oftmals weil sie die Kraft der Natur unterschätzen.

Wie ist es geschrieben?
Proulx erzählt die Geschichte chronologisch durch die Jahrhunderte. Man kann das Buch fast wie einen Abenteuerroman lesen oder wie ein erzählendes Geschichtsbuch. Proulx lässt immer wieder komplexe und interessante Charaktere entstehen, aber ihre eigentliche Zuneigung gilt der Natur. Ihre Landschaftsbeschreibungen der Wälder zeugen von großer Liebe und Achtung, aus den Bildern spricht die ohnmächtige Wut der Autorin auf die Ausbeuterkultur ihres Landes. Das wird zum Beispiel deutlich, als sie einen Pastor über die hungernden Indianer sagen lässt:

„Wer hungert da? Indianer, sagst du? Du weißt gar nicht, wie oft ich diese Klage höre, aber wir leben in einer Zeit, in der die Rothaut den Platz räumt und von tatkräftigen europäischen Siedlern ersetzt wird. Der Indianer muss lernen, zu arbeiten und seinen Lebensunterhalt zu verdienen, einen Garten anzulegen und Vorräte für den Winter einzulagern. Wohltätigkeit schiebt das Unausweichliche nur hinaus.“

Wie gefällt es?
Mich hat „Aus hartem Holz“ von der ersten Seite an gepackt und nicht mehr los gelassen. Es ist eine gut recherchierte Geschichte mit Akteuren, die man lieben, bewundern, bemitleiden oder verachten kann. Vor allem ist es eine Geschichte mit einer klaren Botschaft: Beutet die Natur nicht aus. Dass diese Botschaft aus jeder Seite herausdringt, mag man als störend empfinden. Für mich ist sie das Vermächtnis einer großartigen Autorin.

Annie Proulx: „Aus hartem Holz“, Luchterhand Verlag, 26 EUR, ISBN: 9783630872490   

Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 13.04.2017

Karine Tuil: „Die Zeit der Ruhelosen“
Es herrscht Krieg in Karine Tuils Roman. Wortwörtlich und im übertragenen Sinn: „Die Zeit der Ruhelosen“ erzählt von Gewalt – in Afghanistan, in der französischen Gesellschaft und in der intimen Paarbeziehung. - Die einstige Grande Nation ist tief gespalten, eine verkrustete Klassengesellschaft, in der jeder seine Ellenbogen einsetzen muss, um nicht unterzugehen. Und in der keiner seiner Herkunft entkommen kann.

hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Um vier Hauptfiguren, deren Lebenswege sich früher oder später kreuzen.
Da ist Romain, ein junger Mann aus der Banlieue, der seine einzige Perspektive im Militärdienst sah, und der jetzt traumatisiert aus Afghanistan zurückkehrt.
Da ist François, ein Aristokrat und milliardenschwerer Unternehmer, dem plötzlich seine jüdische Herkunft zum Verhängnis wird – obwohl er seine Religion überhaupt nicht lebt.
Da ist Marion, die engagierte Journalistin, die – wie schon früher als Pflegekind – noch heute gerne provoziert und sich quer stellt. Und dann ist da noch Osman. Seine Eltern stammen von der Elfenbeinküste, er selbst ist gebürtiger Franzose. Er hat es weit gebracht: bis in den Elysee-Palast, als Berater des Präsidenten.

„Osman übte eine unglaubliche Anziehungskraft aus. (…) Er trug dunkle Anzüge von lässiger Eleganz und kaschierte so die Unerbittlichkeit, mit der er seine Ziele verfolgte, die da lauteten: die Konkurrenz ausschalten, Siege erringen, Kämpfe bestehen, sich immer höher hangeln.“

Doch Osman stürzt tief – und muss sich eingestehen, dass er bloß der schwarze Vorzeigemigrant der Regierung war. Dass er nie wirklich dazu gehören wird, weil er nicht  die Elite-Hochschulen der Mächtigen besucht hat.

Wie ist es geschrieben?
Karine Tuils seitenstarker Roman – 512 sind es – erinnerte mich ein wenig an Jonathan Frantzens große Gesellschaftsromane. Die kurzen Kapitel sind schnell montiert, der Aufbau ist komplex, die Wege der verschiedenen Figuren sind elegant miteinander verwoben. Der Tonfall ist locker, lässig, mündlich. Humor spielt bei Tuil aber keine so große Rolle. Manchmal fehlte mir der entlastende Lacher. Dafür hat Karine Tuil die Milieus verblüffend kenntnisreich und realistisch gestaltet. Das ist besonders spannend, wenn es um die Banlieues und die gescheiterte Integration in Frankreich geht. Karine Tuil zeichnet ihre Figuren überzeugend plastisch und einfühlsam. Man kann ihnen verdammt nahe kommen – und leidet dafür umso mehr bei ihrem Absturz.

Wie gefällt es?
Ich habe diesen Roman verschlungen! Wer verstehen will, wie es um die französische Gesellschaft heute steht, der kommt um „Die Zeit der Ruhelosen“ nicht herum. Aber Achtung: Die Lektüre macht nicht nur schlauer, sondern auch ganz schön melancholisch.

Karine Tuil: „Die Zeit der Ruhelosen“, Ullstein Verlag, 24 EUR, ISBN: 9783550081750

Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 06.04.2017

Agustín Martínez: „Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen“
Es geht nach Spanien, in ein kleines Dorf in den Hochpyrenäen. Hier sind vor fünf Jahren zwei elfjährige Mädchen spurlos verschwunden. Dieses Ereignis lastet noch immer auf den Bewohnern, da taucht eines Tages eines der Mädchen wieder auf.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Ein Auto ist in eine tiefe Schlucht gestürzt, nur die Beifahrerin, ein 16jähriges Mädchen, hat verletzt überlebt. Verwunderung und Freude sind groß, als man feststellt, dass es Ana ist, eines der beiden Mädchen, die vor fünf Jahren verschwanden. Doch wo ist Lucía, ihre beste Freundin? Aus Ana ist nur wenig herauszubekommen. Die aus Madrid angereiste Kommissarin Sara Campos nimmt die Suche nach dem Entführer auf.

Ana hatte ihnen im Krankenhaus gesagt, dass der Mann sie nicht angerührt hatte. Dass er sie all die Jahre mit Missachtung gestraft hatte wie einen lästigen Störenfried. Doch der medizinische Bericht sagte etwas anderes. Ana hatte sexuelle Beziehungen gehabt, auch wenn sich nicht sagen ließ, wie oft oder wie häufig. Aber sie hatte vor mindestens zwei Jahren ihre Jungfräulichkeit verloren.

„Meinst du, sie hat auch gelogen, als sie behauptete, dass sie sein Gesicht nie gesehen hat?“, fragte Sara.
Mittlerweile erschien ihnen Anas ganze Aussage zweifelhaft. Es konnte alle möglichen Gründe für ihre Lügen geben, von Scham bis zu einer Blockade.
„Ich weiß, es klingt verrückt … Aber was ist, wenn Ana gar nicht will, dass wir Lucía finden?“, fragte Sara.

Ana benimmt sich merkwürdig – aber will sie wirklich den Täter schützen und verhindern, dass ihre Freundin gefunden wird?

Wie ist es geschrieben?
Agustín Martínez erzählt mit einer klaren Sprache eine wahnsinnig spannende Geschichte. Im Mittelpunkt das fast von der Außenwelt abgeschnittene Dorf: man spürt förmlich die  klaustrophobische Enge, diesen erzwungenen Zusammenhalt, ohne den niemand überleben könnte. Die Landschaft, das kleine Dorf in einer spektakulären Gebirgskulisse in den Hochpyrenäen, spielt dabei eine wichtige Rolle – manchmal sind diese Beschreibungen etwas zu gewollt geheimnistuerisch und  wirken übertrieben. Das mindert aber nicht das enorme Lesevergnügen.

Wie gefällt es?
Bei nur wenigen Büchern muss ich mich ermahnen, es nicht in einem Rutsch auszulesen, weil es so spannend ist: bei „Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen“ ist es mir passiert. Da häufen sich dramatische Ereignisse, es gibt weitere Tote, die Kommissarin selbst ist unter Druck und manchmal hilflos – und irgendwann sind alle Dorfbewohner höchst verdächtig. Das ist sehr fein konstruiert und überzeugend geschrieben. Unbedingt empfehlenswert!

Agustín Martínez: „Monteperdido – Das Dorf der verschwundenen Mädchen“ , S. Fischer Verlag, 14,99 EUR, ISBN: 9783596036585

Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 30.03.2017

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“
Es ist ein magischer Moment. Natascha Wodin, die Autorin, sitzt in ihrem Haus an einem See in Mecklenburg am Computer und tippt den Namen ihrer Mutter in eine Suchmaschine. Und das Internet spuckt tatsächlich rudimentäre Informationen über die Mutter aus, von der Wodin bis dahin so gut wie nichts wusste. Nur, dass sie aus dem ukrainischen Mariupol stammte und in Bayern starb, wo sie verzweifelt am eigenen Leben ins Wasser ging. Ihre Tochter Natascha war damals noch in der Grundschule.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Die Tochter forscht weiter, findet in Russland in einem Familienforscher einen Unterstützer, der ihr weiter hilft. Woche für Woche treten neue Details zutage. Noch lebende Verwandte tauchen auf, weitere Dokumente, Tagebücher und Fotos. Natascha Wodin rekonstruiert die Geschichte ihrer Familie. Und damit gleichzeitig das Schicksal einer Familie des 20. Jahrhunderts zwischen Reichtum und Verelendung. Zunächst ein glanzvolles Leben im Zarenreich. Doch dann kommen die russische Revolution und mit ihr Enteignung und Demütigung. Die Familie verliert sich. Und schließlich die Ausbeutung durch das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die Eltern Nataschas landen als Zwangsarbeiter in Leipzig. Es gelingt ihnen nach Kriegsende in Süddeutschland zu bleiben. In Bayern leben sie zunächst in einem Schuppen, schließlich in Lagerunterkünften für ehemalige Zwangsarbeiter. Dort wächst Natascha Wodin auf. Erst nach diesen Recherchen hat sie Gewissheit über ihre eigene Geschichte und ihre Wurzeln.

„Die längste Zeit meines Lebens hatte ich gar nicht gewusst, dass ich ein Kind von Zwangsarbeitern bin. Niemand hatte es mir gesagt, nicht meine Eltern, nicht die deutsche Umwelt, in deren Erinnerungskultur das Massenphänomen der Zwangsarbeit nicht vorkam. Jahrzehntelang wusste ich nichts von meinem eigenen Leben. Ich wusste nur, dass ich zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war.“

Wie ist es geschrieben?
Das Buch ist weder Dokumentation, noch Autobiografie oder gar Roman. Es vereint Elemente von alledem und führt sie zusammen. Wodin erzählt die Schreckensgeschichte ihrer Familie anhand vieler Dokumente oder anhand von Forschungsergebnissen. Manches erdenkt sie sich aber auch, erschließt sie sich auf der Basis des Vorgefundenen. Auch wenn die Sprache eher sachlich ist, fließt ein poetischer Grundton von Seite zu Seite. Dadurch sticht das Ungeheuerliche dieser Leben umso wirkungsvoller hervor und bleibt doch erträglich beim Lesen.

Wie gefällt es?
Ich finde, „Sie kam aus Mariupol“ ist ein großartiges Buch. Es ist so wirkungsvoll, weil es eben nicht eine auf maximale Wirkung getrimmte Fiktion präsentiert, sondern literarisch verdichtetes reales Leben. Ein Leben, das vor allem aus Leiden besteht, bis zur bitteren Konsequenz, dem Freitod. Es ist ein Buch, das vergessene und verdrängte Schicksale unsterblich macht und denen, die sie erlitten haben, ein Denkmal setzt. Also ein wichtiges Buch für den deutschen Literaturkanon. Es schließt eine Lücke.

Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“, Rowohlt, 19,95 EUR, ISBN: 9783498073893     


Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 23.03.2017

Alissa Walser: „Eindeutiger Versuch einer Verführung“  
Die Schriftstellerin Alissa Walser, Jahrgang 1961, ist – ob in ihren Prosatexten, Gedichten oder Theaterstücken – eine sehr genaue Beobachterin menschlicher Beziehungen. Sie findet einen spielerischen, assoziativen Zugang zu den Gefühlen und Befindlichkeiten ihrer Figuren, und damit auch zum Leser.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
„Eindeutiger Versuch einer Verführung“ – der Titel verführt! Alissa Walsers neues Buch ist eine Sammlung von kurzen Episoden, Szenen, Dialogen und Beobachtungen. Die Autorin erzählt von Zufallsbekanntschaften im Kino und im Supermarkt, in der U-Bahn oder Gärtnerei. Sie konstruiert Mutter-Tochter-Dialoge, in denen sich in aller Kürze ein ungutes Machtverhältnis ausdrückt. Und sie schildert Szenen aus dem Alltag eines Paares, die wie Ausschnitte aus einem Beziehungsroman wirken, in denen Empfindlichkeiten, Missstimmungen, Enttäuschungen angedeutet werden, das ganze schwierige Geschäft des Zusammenlebens.

Wie ist es geschrieben?
Durch die wechselnden Erzählhaltungen, Orte und Figuren, die sehr unterschiedliche Themen und auch Formen der 57 kleinen Texte, entsteht der Gesamteindruck eines Mosaiks, das bewusst unfertig belassen wurde. Allerdings kommt mir manches unmotiviert vor, so dass es mir schwer fiel, der inneren Entwicklung oder inneren Logik einzelner Episoden zu folgen. Was mir gut gefällt ist die schnörkellose, oft lyrisch angehauchte Sprache. Sprache, das zeigt sich hier wieder, kann beides: Menschen trennen und verbinden. Sie macht sichtbar, was wir sonst nicht wahrnehmen. Alissa Walsers Sprache schwebt in manchen Szenen federleicht über ihren Figuren.

„Abends steigt sie aufs Trampolin, das auf der Terrasse steht. Abwechselnd springt und läuft sie im Rhythmus. Hoch, hoch, immer wieder hoch, ohne nach vorn Raum zu gewinnen, dafür nach oben, Raum den sie jedoch gleich wieder verliert. Und wenn der Wind die leichten weißen Gardinen in Wellen durch die geöffneten Fenster schiebt, fühlt sie sich von drinnen angesprochen.“

Wie gefällt es?
Ich habe „Eindeutiger Versuch einer Verführung“ mit gemischten Gefühlen gelesen. Da gibt es eindringliche kleine Portraits, Momente intensiver Poesie, aber auch immer wieder Gedanken, Aussagen und Bilder, die mir nicht einleuchten. Vielleicht kann man es so sehen: Alissa Walser möchte uns verführen. Zum Schauen oder auch zum Innehalten. Erst wenn wir bereit sind uns darauf einzulassen, dass es primär gar nicht um die Handlung geht, sondern um die von ihr ausgelösten Empfindungen und inneren Vibrationen, dann können viele dieser kleinen Texte uns auch verführen.

Alissa Walser: „Eindeutiger Versuch einer Verführung“,  Hanser 2017, 17 EUR, ISBN:  9783446254541

Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 16.03.2017

Benjamin Lebert: „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“  
Benjamin Lebert war einer der Stars der deutschen Popliteratur. Sein autobiografischer Roman „Crazy“ war 1999 ein Bestseller. Mit „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ hat er jetzt einen neuen Roman vorgelegt.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Im Frühjahr 2015, das erzählt Benjamin Lebert im Nachwort zu seinem Buch, im Frühjahr 2015 war er einige Wochen in Nepal, um dort für ein Kinderhilfsprojekt zu arbeiten und diese Erfahrungen waren der Auslöser für diesen Roman. Darin erzählt er von drei Kindern, die von ihren Eltern nach Indien verkauft worden waren, wo sie als Arbeits- oder Sexsklaven arbeiten mussten. Das sind der fünfzehnjährige Achanda, die vierzehnjährige Shaki und der zehnjährige Tarun. Alle drei sind traumatisiert und träumen verzweifelt von einer besseren Zukunft. Gerade dadurch werden sie zu Opfern von neuer Gewalt, Verrat und Missbrauch.

Wie ist es geschrieben?
Benjamin Lebert lässt die drei Kinder immer wieder abwechselnd zu Wort kommen. Dadurch erhält der Roman eine scheinbar leichte kindliche Direktheit. Diese Kinder sprechen zu uns über ihre Hoffnungen, Träume und Ängste, genauso wie sie ihre tiefsitzenden Gewaltfantasien formulieren, die vor allem aus dem zehnjährigen Tarun immer wieder hervorbrechen.
Tatsächlich ist die Gewalt in diesem Roman nicht nur eine soziale Gewalt, es ist auch die Gewalt der Natur und die hat Benjamin Lebert noch auf eine andere, raffinierte Weise in seinen Text integriert. Er selbst hat Nepal 2015 genau neun Tage vor dem verheerenden Erdbeben verlassen, dem mehr als 8000 Menschen zum Opfer fielen und in neun Tagen wird jetzt auch das Geschehen dieses Romans erzählt. Es sind die letzten neun Tage vor der Katastrophe, die sich unterschwellig immer stärker ankündigt, in kleinen Beobachtungen der Kinder, aber vor allem durch die empfindliche Wahrnehmung eines Straßenhundes, dem Lebert immer wieder eine Stimme gibt:

„Es zieht ihn zu der Stelle, an der er die Kraft zu ersten Mal gespürt hat. Die gewaltige Kraft aus der Tiefe: anders als alles, was er in seinem zornigen, keifenden Hundeleben jemals wahrgenommen hat. Er tritt langsam auf, vorsichtig, jede Berührung seiner rissigen Pfoten mit dem Boden schmerzt. Und doch sind alle Sinne aufmerksam auf den Grund gerichtet. Auf die Erdmassen unter ihm. Endlich erreicht er die Stelle und legt sich nieder. Wartet. Stunde um Stunde wartet er. Auf die gewaltige Kraft aus der Tiefe. Vergeblich.“

Wie gefällt es?
„Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ ist ein Buch, das mich als Leser am Anfang kaum und dann doch immer mehr gepackt hat. Zunächst ist da die scheinbar naive und unschuldige Kinderwelt, die aber nach und nach ihre Abgründe offenbart, und wenn man dann begreift, dass Lebert hier unerbittlich den Countdown zur schrecklichen Katastrophe erzählt, ist es zu spät und man kann sich dem Sog des Buches nicht mehr entziehen. Benjamin Lebert ist ein spannender Roman gelungen, mit viel Gespür für Zwischentöne und gleichzeitig ein sensibles, ein eindringliches Porträt einer geschundenen und zerrissenen Gesellschaft.

Benjamin Lebert: „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“, S. Fischer, 20 EUR, ISBN: 9783103973129

Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 09.03.2017

T.C. Boyle: „Die Terranauten“  
Acht Menschen zwei Jahre unter einer Glaskuppel. Das gab es tatsächlich.  Anfang der neunziger Jahre in Arizona. Dahinter stand die Frage: können Menschen in einer künstlichen Umwelt überleben. Das reale Projekt scheiterte. T.C. Boyle spinnt die Geschichte weiter.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nein, es ist kein Wissenschaftsroman, den Boyle geschrieben hat. Es ist eher ein Gesellschaftsroman, fokussiert auf zwei besondere  Gruppen. Zum einen die acht Terranauten in ihren roten Anzügen. Zum anderen das Team draußen.  Die Terranauten  fühlen sich berufen, Wege der Menschheit in außerirdische Welten zu finden. Pioniere sozusagen, wenn nicht Helden, wie auch  Astronauten in ihren weißen Anzügen.  Allerdings gibt es einen feinen Unterschied. Die roten Anzüge sind nur die Galauniform. Am Ende sind sie eher jämmerliche, narzisstische Gestalten in zerschlissenen Klamotten. So empfindet es auch einer der Terranauten.

„Das war es, was in diesem grimmigen November des Jahres 2 aus uns geworden war, als alle zu wenig zu essen bekamen und einander auf die Nerven gingen. Wir waren schon zu lange miteinander eingesperrt und kannten einander zu gut, jede Eigenart und Geste, jede Phrase, jede Sprechgewohnheit, jede hundertmal gehörte Geschichte zerrte an unseren Nerven, bis das Prinzip der Kameradschaft nur noch ein schlechter Witz war.“

Dass das so ist, hat auch etwas mit den anderen zu tun, die draußen sind und das Projekt steuern. Auch sie sind nicht wirklich Wissenschaftler, sondern Marketing- und PR-Leute. Also solche, die Kohle machen wollen mit denen, die drinnen sind. Deswegen werden die, die drinnen sind von denen, die draußen sind, gesteuert. Sie müssen sich ähnlich wie im Big Brother Container ständig beobachten lassen, Interviews geben, ja sogar absurde Theaterstücke spielen. Das Pionierprojekt entpuppt sich als groteskes Heldenschauspiel, als brüchige Glamourwelt.

Wie ist es geschrieben?
Boyle erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive dreier Personen. Die beiden Liebenden drinnen unter der Glaskuppel, die Freundin der werdenden Mutter draußen. Letztere ist aber auch die neidische unterlegene Konkurrentin der Mutter. Sie durfte nicht rein und muss draußen Hilfsdienste leisten. Dieser ständige Perspektivwechsel ganz unterschiedlich motivierter Leute treibt die Geschichte voran und reichert sie mit einigen menschlichen Abgründen an.

Wie gefällt es?
Ich finde, Terranauten ist ein ordentlicher Unterhaltungsroman. Es gibt einiges zu grinsen. Mir fehlt aber die Tiefe. Die Figuren bleiben blass oder im Klischee, sie spielen Rollen und leben sie nicht. Überraschungen fehlen. Das passt nicht zum Setting des abgeschlossenen Ortes. Da müsste sich doch viel mehr Dynamik entwickeln. Für eine Satire auf die Eitelkeiten und den Kommerz eines Pseudo-Wissenschaftsbetriebs fehlt mir der Biss.

T.C. Boyle: „Die Terranauten“, Hanser Verlag, 26 EUR, ISBN: 9783446253865


Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 02.03.2017

Peter Swanson: “Die Gerechte“
Ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel um Rache und Gerechtigkeit.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Ted ist auf dem Rückflug von London nach Boston, als sich eine junge Frau, Lily, zu ihm setzt. Sie kommen ins Gespräch, der  Alkohol lockert  die Zunge, Ted wird persönlich. Er erzählt, dass ihn seine Frau Miranda betrogen hat. Dass er sie am liebsten umbringen würde. Lily spinnt den Faden weiter, sie bietet ihm ihre Hilfe an, wenn er seine Frau und deren Liebhaber töten will. Und so planen die beiden den perfekten Mord. Nach dem Flug treffen sie sich noch ein paar Mal, verfeinern ihren Mordplan, doch Ted hat auch Skrupel. Soll er wirklich? Seine Frau töten? Da nimmt die Geschichte eine komplett neue Wendung…Und dann folgt eine Wendung nach der anderen. Äußerst spannend bis zum tatsächlich allerletzten Satz,  der noch einmal alles wieder umkehren könnte. Lily ist in der Geschichte die treibende Kraft, sie forciert die Mordplanungen. Und von ihr erfahren wir in  Rückblenden, dass sie kein Neuling in Sachen Mord ist: fast noch ein Kind, wurde sie von  einem Freund ihrer Mutter sexuell bedrängt, sie wusste sich nicht anders zu helfen, als den Mann zu töten. Lily, die Gerechte. Für die Mord Gerechtigkeit ist.

Wie ist es geschrieben?
Ein Psychothriller par exellence. Der Krimi „Die Gerechte“ von Peter Swanson ist aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was die Spannung antreibt. Und so stecken wir in den Köpfen von Lily, Ted und Miranda, lernen ihre Motive kennen und erfahren die Hintergründe ihres Handelns. Denn Täter sind sie alle irgendwie. Über weite Strecken ist das geschrieben wie ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Lily und Miranda, beide zum Töten bereit, aber sie wissen nichts von den Plänen der jeweils anderen. Und mittendrin Ted:

„Zum ersten Mal, seit ich beschlossen hatte, meine Frau zu töten, wollte ich, dass es auf der Stelle geschah… Ich wollte Miranda tot sehen. Sie hatte unsere Liebe genommen und sie zu einer Farce gemacht. Sie hatte mich zum Gespött gemacht. Ich musste immer daran denken, wie Miranda mich früher angesehen hatte, wie sie mich noch heute manchmal ansah, als wäre ich der Mittelpunkt ihres Universums. Und dann hatte sie mir das Herz herausgerissen.“

Wie gefällt es?
Psychothriller sind normalerweise nicht meine bevorzugte Krimi-Gattung, aber „Die Gerechte“ von Peter Swanson hat mich restlos überzeugt. Das liegt zum einen an der Person Lily, die als Kind aus Not morden musste, aber das Töten auch später noch als Racheinstrument benutzt. Eine zum Teil gefühlskalte und hoch-rationale Frau, deren Handeln trotzdem nachvollziehbar ist. Und mit der man mitfiebert. Wirklich irre und extrem spannend sind aber die vielen Wendungen in diesem Krimi: läuft am Anfang alles auf den Mord an der Ehefrau und ihrem Liebhaber hinaus, dreht sich die Geschichte plötzlich, Täter und Opfer wechseln die Rollen, das mörderische Spiel beginnt von Neuem. Selten hat mich ein Psycho-Thriller so gefesselt wie dieser.

Peter Swanson: „Die Gerechte“ , Blanvalet-Verlag, 12,99 EUR, ISBN: 9783734103599

Swanson Die Gerechete
hr-iNFO Büchercheck vom 23.02.2017

Saphia Azzeddine: „Bilqiss“
Saphia Azzeddine ist eine französisch-marokkanische Autorin, sie schreibt ihre Bücher auf Französisch. In Deutschland wurde sie durch ihre Romane „Zorngebete“ und „Mein Vater ist Putzfrau“ bekannt. Zwei Romane, geschrieben in einer Mischung aus bitterem Ernst, Satire und Humor. Genau diese Mischung begegnet uns auch in ihrem neuen Roman „Bilqiss“.

hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Bilqiss ist der Name einer jungen Frau, die in einem muslimischen Terrorregime im Gefängnis sitzt. Sie soll gesteinigt werden, weil sie anstelle des volltrunkenen Muezzins aufs Minarett gestiegen ist und zum Morgengebet aufgerufen hat. Dass der Muezzin volltrunken war, was eine große Sünde ist im Islam, wird natürlich nicht bestraft. Und da haben wir auch schon das Hauptthema des Romans: die absolute Frauenverachtung in autoritären muslimischen Staaten. Bilqiss’ Gegenspieler ist ein Richter, der sie zum Tod verurteilen muss. Aber er ist von ihrer Selbstsicherheit, ihrem Mut, ihrem Scharfsinn und Witz, dazu von ihrer Schönheit so bezaubert, dass er sich in sie verliebt. Er besucht sie nachts im Gefängnis und die beiden diskutieren, streiten, argumentieren und reden endlos.

Wie ist es geschrieben?
Vehement und sehr pathetisch, wenn Bilqiss die verlogenen religiösen und gesellschaftlichen Strukturen anklagt. Es gibt aber auch märchenhafte Elemente, nicht nur durch dieses vage Irgendwo, in dem die Handlung spielt. Wie Scheherazad in „1001“ Nacht redet Bilqiss auch jede Nacht mit ihrem Peiniger. Allerdings kämpft sie nicht um ihr Leben, sondern um ihren Tod. Den will sie nämlich durchsetzen gegen den Wunsch des Richters, sie zu retten, weil er sie liebt. Und schließlich ist es auch eine bissig-brillante Satire auf jedes autoritäre Regime. Da werden die absurden Gesetze in maßlosen Übertreibungen karikierend aufgespießt. Das ist oft erschütternd, häufig lächerlich und manchmal auch unglaublich komisch.

„- Warum tragen Sie ihr Kopftuch nie, wie es sich gehört?
- Weil ich eine unverbesserliche Optimistin bin, Herr Richter. Und weil ich im Gegensatz zu denen, die es ordentlich tragen, nicht davon ablassen kann.
- Das verstehe ich nicht, wovon können Sie nicht ablassen?
- Ich habe noch Vertrauen in Sie, meine Herren. Dass es Ihnen eines Tages gelingen wird, uns als Ganzes zu betrachten, ohne davon eine Erektion zu bekommen. „

Wie gefällt es?
Im Zentrum des Romans steht die Sprache. Und die ist in ihrer Gebrochenheit sehr besonders. An das große, ernste Pathos müssen wir uns etwas gewöhnen. Hier steht der hohe Ton neben frechster Respektlosigkeit und bissigem Witz. „Bilqiss“ rüttelt unsere Lesegewohnheiten durcheinander. Wie viele junge französische Romane, deren Autoren aus den französisch-sprachigen Ländern Afrikas kommen. Sie bringen ganz viele neue Stoffe, Erzählweisen, Farben und Lebensgefühle mit in unsere europäische Literatur.

Saphia Azzeddine: „Bilqiss“, Wagenbach Verlag 2016, 20 EUR, ISBN: 9783803132819

hr-iNFO Büchercheck vom 16.02.2017

Julien Barnes:  „Der Lärm der Zeit“
Julien Barnes ist einer der erfolgreichsten und renommiertesten englischen Gegenwartsautoren. Zweimal hat der 1946 in Leicester geborene Schriftsteller schon den wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker-Preis gewonnen.

hr-iNFO Bücherchecker Alf Mentzer hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Julien Barnes neuster Roman ist ein Roman über Macht und Kunst. Im Zentrum des Romans steht Dimitri Schostakowitsch, einer der, wenn nicht der wichtigste russische Komponist im 20. Jahrhundert, und Barnes erzählt sein Geschichte anhand von drei entscheidenden Situationen.  Es beginnt im Jahr 1936, als der eigentlich gefeierte Komponist, sich mit einem kritischen, offenbar von Stalin autorisierten Prawda-Artikel konfrontiert sieht und von da an stündlich mit seiner Verhaftung und Schlimmerem rechnen muss. 12 Jahr später – 1948 – reist Schostakowitsch als Mitglied einer russischen Delegation in die USA und wird genötigt, sowohl seine eigene Musik wie auch die von bewunderten Kollegen öffentlich in den Schmutz zu ziehen, und wiederum 12 Jahre später, als er meint, Stalin glücklich überlebt zu haben, gelingt es dem Sowjetregime, ihm noch eine letzte Demütigung zu zufügen. Seine Musik, so muss Schostakowitsch ein ums andere Mal einsehen, ist machtlos gegen den Lärm der Zeit.

Wie ist es geschrieben?
Man muss kein Kenner der klassischen Musik sein, um von diesem Buch gepackt zu werden. Julien Barnes konzentriert sich auf das allgemein menschliche Drama, das er in Schostakowitschs Kampf mit Stalin und seinen Schatten erkennt. Das Faszinierende und auch Spannende an diesem gerade mal 240 Seiten kurzen Roman, ist die Kühnheit, mit der Barnes dieses Drama auf  drei einzelne Lebensmomente reduziert. Etwa wenn er im Jahr 1960 – konfrontiert mit seiner Ohnmacht und seinem Opportunismus zu dieser Schlussfolgerung kommt:

„Das war die letzte unwiderlegbare Ironie seines Lebens. Indem sie ihn leben ließen, hatten sie ihn umgebracht. ... Seine Hoffnung war, der Tod werde seine Musik befreien: befreien von seinem Leben.“

Wie gefällt es?
Dieses Buch ist eine ergreifende Darstellung der Schwäche des Einzelnen in der Konfrontation mit der Macht. Aber diese Schwäche kann – je nachdem, womit die Macht droht, verschiedene Gesichter haben – und das arbeitet Julien Barnes sehr genau heraus. Er zeigt uns die Ängste Schostakowitschs, aber auch die Rechtfertigungsversuche ebenso wie die  Verzweiflung dieses Mannes, der schließlich erkennen muss, dass er seine Seele verkauft hat, um seine Musik zu retten. Julien Barnes urteilt nicht über dieses Mann, die Entscheidung, ob man sich auch anders hätte verhalten können, überlässt er jedem von uns – und genau das macht diesen Roman so allgemeingültig und so überzeugend. Julien Barnes ist einmal mehr ein Meisterwerk gelungen.

Julien Barnes:  „Der Lärm der Zeit“, Kiepenheuer und Witsch, 20 EUR, ISBN: 9783462048889

hr-iNFO Büchercheck vom 09.02.2017

Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben"
Selten gibt es für ein Buch schon Wochen vor dem Erscheinen so viel Aufmerksamkeit wie für diesen Roman. Dabei war die Autorin bislang noch gar keine Größe am literarischen Himmel. Aber in den USA wurde ihr Buch für einige Preise nominiert, stürmte die Verkaufslisten und war auch medial Thema. Hält das Buch, was der Wirbel verspricht?

Von Frank Statzner

Ich sag's gleich zu Beginn: Einerseits ist dieser fast 1000 Seiten Roman ein fesselndes Lesevergnügen. Wer gerne mitleidet - hier darf er es. Und andererseits, obwohl es viel Kluges über das Leben zu lesen gibt, mangelt es ihm an Realität.

Worum geht es?
"Ein wenig Leben" beginnt als Roman über die Freundschaft von vier College-Jungen in New York: Willem, der Farmersohn aus der Provinz, der Schauspieler wird. JB, der Künstler wird. Malcolm, aus begütertem Elternhaus, wird Architekt. Und Jude, der Begabteste von ihnen: musikalisch, ein Mathegenie, ein erfolgreicher Jurist. Wir verfolgen ihre Freundschaft und ihre Entwicklung über einige Jahrzehnte hinweg. Freundschaft, Liebe, Vertrauen – das sind einige Themen. Aber auch deren dunkle Seite. Im Mittelpunkt steht Jude, um ihn dreht sich alles. Jude trägt Geheimnisse mit sich. Er hinkt, leidet an Schmerzattacken, er ritzt sich obsessiv, so dass an Armen und Beinen keine heile Stelle mehr ist. Warum tut er das? Wie gehen die Freunde damit um? Seite für Seite bekommt man davon eine Vorstellung. Zunächst erste hingeworfene Bemerkungen der Erzählerstimme, dann Wahrnehmungen der Freunde, schließlich Erinnerungen Judes. So entsteht langsam ein Bild, ein schockierendes Bild. Jude ist ein ausgesetztes Kind und wuchs in einem Kloster auf. Er wurde Opfer von Gewalt, Missbrauch und sexueller Ausbeutung. Ein zutiefst verletzter Mensch, der seine Traumata nicht überwinden kann, sich gegen sein eigenes Leben wendet und nicht davon reden will. Und seine Freunde? Sie fragen ihn nicht. Aus Respekt und aus Liebe, meinen sie. Und können ihm dadurch nicht wirklich helfen.

"Sein Schweigen war sowohl Notwendigkeit als auch Schutz und hatte den zusätzlichen Vorteil, ihn mysteriöser und interessanter wirken zu lassen, als er es in wahrheit war. "Wie ist das bei Dir gewesen, Jude?", war er zu Beginn des SEmesters manchmal gefragt worden, doch da war er bereits klug genig gewesen - erlernte schnell -, lediglich mit den Schultern zu zucken und lächelnd zu sagen: "Zu langweilig, um davon zu erzählen." Er war erstaunt, aber auch erleichtert darüber, wie bereitwillig sie das akzeptieren, und dankbar für ihre Ichbezogenheit. Keiner von ihnen interessierte sich für die Geschichten der anderen; jeder wollte nur seine eigene erzählen."

Wie ist es geschrieben?
Alles dreht sich um die zentrale Figur Jude in diesem Roman. In seinen Erinnerungen, in Rückblenden wird Ungeheuerliches erzählt. Aber eigentlich hat dieser Roman keine Handlung. Es fehlt auch die konkrete zeithistorische Einbettung. Weil die Erzählerstimme die Erlebnisse der Figuren zu unterschiedlichsten Zeiten und an verschiedenen Orten ständig montiert und irgendwann zwischendurch auch noch ein Ich-Erzähler auftaucht, werden sogar Raum und Zeit aufgehoben. Der Text dreht sich also nicht nur inhaltlich um Jude, sondern auch strukturell. In der Wirkung entsteht beim Lesen ein Sog. Man bleibt an diesen tausend Seiten dran: Tage, vielleicht sogar Wochen. Man will wissen, wie geht das in der nächsten Schleife weiter?

Wie gefällt es?
Dieser Sog ist natürlich eine grandiose Wirkung. Aber: Ab und zu gibt es auch Längen, Wiederholungen. Ich finde, es hätten nicht unbedingt tausend Seiten sein müssen. Manchmal gibt es auch Klischees oder kitschige Bilder. Die Guten sind gut, die Bösen böse. Die eigentliche Schwäche des Romans ist aber, dass er nicht ganz logisch ist. Warum sprechen die Freunde Jude nicht nachhaltig auf sein Leiden an? Warum akzeptieren sie über Jahrzehnte sein Schweigen und sein Verstellen? Das ist einfach nicht realistisch. Und damit steht die auf Wirkung getrimmte Geschichte, so toll sie in vielen Details zu lesen ist, als Konstruktion letztlich auf wackligen Füßen. Es sei denn, man liest sie als Märchen.

Hanya Yanagihara: "Ein wenig Leben", Hanser Berlin, 28 Euro, 960 Seiten, ISBN: 978-3446254718

hr-iNFO Büchercheck vom 02.02.2017

Thomas Melle: "Die Welt im Rücken"
Thomas Melle gewährt uns in seinem Roman "Die Welt im Rücken" tiefe Einblicke in sein Seelenleben. Keine leichte Kost, denn der Autor ist manisch-depressiv. Er nimmt uns mit in eine Welt, in der Normalität zur prekären Fiktion wird.

hr-iNFO-Bücherchecker Alf Mentzer hat das Buch für uns gelesen.

Worum geht es?
Dieses Buch ist kein Roman, es ist keine Fiktion. Thomas Melle schreibt ausschließlich über sich selbst, aber gerade dieses "Selbst" ist sein größtes Problem. Thomas Melle ist manisch-depressiv, er leidet unter einer bipolaren Störung und das bedeutet, dass sein Selbst in mindestens drei Phasen zerfällt: Da ist der Maniker, der von grenzenloser Energie angetrieben wird, dessen Neuronen gnadenlos feuern, der Wahnvorstellungen hat, Freunde beleidigt, Schulden macht und seine Zukunft verspielt. Da ist der depressive Thomas Melle, der ins andere Extrem fällt, und mehrere Selbstmordversuche unternimmt, und da ist der Autor dieses Buches, Thomas Melle, der nach drei, immer verheerender werdenden Schüben dieser Krankheit herausfinden will, herausfinden muss, wer er überhaupt ist, wie diese Extremausschläge seiner Persönlichkeit mit ihm zusammenhängen, und wie er damit leben, arbeiten und sich der Zukunft stellen kann – immer von der Gewissheit bedroht, dass der nächste Schub diese Zukunft vollständig zerstören wird.

Wie ist es geschrieben?
Thomas Melle schreibt so, wie es seine Krankheit diktiert: in Extremen. Den ruhigen, sich kaum von der Stelle bewegenden Passagen über seine Depressionen stehen die hyperaktiven Phasen des Manikers gegenüber. Das ist eine Achterbahnfahrt, auf die Thomas Melle auch uns Leser mitnimmt. Das kann quälend sein, das kann atemberaubend sein, das ist mitunter sogar wahnsinnig komisch, wenn etwa der Maniker alles, aber auch alles auf sich bezieht: das diabolische Lächeln Wolfgang Schäubles auf dem Bildschirm, oder Sexgeständnisse von Madonna und Björk.

Aber Thomas Melle erliegt nie der Versuchung, sich über sich selbst lustig zu machen. Er versucht nicht, sein Leiden ironisch zu entschärfen. Dafür ist es ihm zu ernst, dafür geht sein Leiden an den Kern seiner Existenz, und die beeindruckendsten Passagen in diesen Buch sind diejenigen, in denen er sich vollkommen ganz direkt der zerstörerischen Kraft dieser Krankheit stellt. Passagen, aus denen klar wird, dass es hier nicht nur um Literatur, sondern um das Ganze einer gefährdeten Existenz geht:

"Die bipolare Störung hat sich zwischen mich und alles gestellt, was ich sein wollte. Sie hat das Leben verunmöglicht, das ich leben wollte. Sie hat die Bücher durchgeschüttelt, die ich schrieb. Und wenn sich jetzt einer vielleicht fragt, wieso der Typ so narzisstisch viel von seinen Texten labert, dann ist die Antwort: weil die Texte inzwischen mein Leben sind. Sonst habe ich nämlich kaum eines. Vielleicht bessert sich das irgendwann, vielleicht nicht."

Wie es gefällt?
Dieses Buch ist nicht leicht zu ertragen, aber wie sollte es das auch sein? In seinen manischen Phasen kann dieser Thomas Melle unendlich nerven, in seiner Depressionen kann er einem unendlich leidtun, aber nie und an keiner Stelle hatte ich das Gefühl, dass dieses Buch unehrlich sei. Hier inszeniert sich niemand. Hier nimmt mich ein Autor mit in die tiefsten Abgründe seiner gefährdeten Existenz. Ich habe dabei viel darüber erfahren, wie leicht ein Leben aus der Bahn geraten kann und wie mühsam der Versuch ist, wieder in die Spur zu kommen. Normalität, das ist mir beim Lesen klar geworden, ist eine äußert prekäre Fiktion. Schwer zu ertragen, aber gerade deshalb so lesenswert.

Thomas Melle: "Die Welt im Rücken", Rowohlt Verlag, 348 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3871341700


hr-iNFO Büchercheck vom 26.01.2017

Iain Levison: „Gedankenjäger“
„Gedankenjäger“ heißt der Kriminalroman von Iain Levison, und im Mittelpunkt steht ein kleiner, ehrlicher Polizist, der eines Tages merkt, dass er die Gedanken anderer Menschen lesen kann. Daraus entwickelt sich eine spannende Geschichte um einen gescheiterten neuro-wissenschaftlichen Versuch.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Am Anfang ist Streifenpolizist Jared Snowe ordentlich verwirrt, als er plötzlich die Gedanken anderer Menschen lesen kann. In seinem Beruf bringt ihm das enorme Vorteile. Da erhält er von höchster Regierungsstelle den Auftrag, einen geflohenen Polizistenmörder wiederzufinden und zurück in die Todeszelle zu bringen. Was er nicht weiß: auch dieser Mann, Brooks Denny, ist ein Gedankenleser. Snowe braucht kaum einen halben Tag, um den Mann zu finden. Der Jäger und der Gejagte, beide stehen sich schussbereit gegenüber, doch Polizist Snowe lässt sich von Polizistenmörder Denny überreden, ihn nicht zu verhaften. Denn Denny ist überzeugt, dass sie beide gejagt und umgebracht werden sollen:

„Und dann setzen die dich auf mich an. Warum? Weil sie hoffen, wir werden einander umbringen. Wenn du mich tötest, kann man dich dann später immer noch erledigen. Wenn ich dich töte, ist das auch in Ordnung, weil sie dann herausbekommen, wo ich bin. In jeden Fall sind sie ihrem Ziel um einiges näher, uns beide auszulöschen!“ Snowe schüttelte den Kopf, aber Danny war nicht fertig. Die wollen bloß, dass ich dich für sie erledige, damit die sich nicht mehr darum kümmern müssen.“ Denny lächelte. „Du weißt, dass ich recht habe. Du weißt, dass ich dich deshalb nicht erledigt habe, als ich die Gelegenheit dazu hatte.“

Sie fliehen zusammen und versuchen herauszubekommen, warum sie Gedanken lesen können, welche gemeinsame Vergangenheit sie haben. Dabei  werden sie von dieser ominösen, nicht näher bezeichneten Regierungsstelle verfolgt. Nach und nach kommen Snowe und Denny dahinter, dass sie ein wichtiges Militärgeheimnis um einen misslungenen neuro-wissenschaftlichen Versuch aufdecken könnten…

Wie ist es geschrieben?
Gedankenjäger ist ein starkes Buch, ein guter Krimi. Nachvollziehbar beschreibt Iain Levison den Alltag eines Gedankenlesers, der überschwemmt wird mit all den wichtigen, vor allem aber auch unwichtigen Gedanken, die die Menschen so im Kopf haben. Allein diese Idee ist wunderbar verschroben – und die Einbettung in eine Militärgeschichte um Gehirnmanipulationen phantasievoll wie plausibel. Ein kleiner, feiner Kriminalroman auf hohem Niveau.

Wie gefällt es?
„Gedankenjäger“ von Iain Levison ist kein Thriller, der einen umhaut, bei dem man Fingernägel kaut vor Spannung. Dafür aber hatte ich viel Spaß beim Lesen, der subtile Humor hat mir gefallen, die warmherzige Personenzeichnung und das Geheimnis um diese Regierungsstelle, die den Lauf dieser Geschichte diktiert. Ein Krimi, der gut und angenehm spannend unterhält.

Iain Levison: Gedankenjäger, Deuticke-Verlag, 19 EUR, ISBN: 9783552063280

hr-iNFO Büchercheck vom 19.01.2017

Lauren Groff: „Licht und Zorn“
Sie könnten nicht unterschiedlicher sein: der in Reichtum hinein geborene Lotto, Schwarm aller Mädchen und Sunnyboy. Und Mathilde, lieblos aufgewachsen, reizvoll aber einsam und beziehungsgestört, vom Leben vernachlässigt. Auf einer Party erblicken sie sich. Und es funkt, sofort. Sie begehren sich, sie lieben sich, sie brauchen sich.

hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Nach kurzer Zeit heiraten die beiden, gegen den Willen von Lottos Mutter. Sie bestraft ihn für die unerwünschte Hochzeit mit Geldentzug und Abwesenheit. Dafür entwickelt sich die Ehe mit Mathilde zur Symbiose. Sie wird zur Ernährerin, als Lotto als Schauspieler scheitert. Sie unterstützt ihn, als er anfängt Theaterstücke zu schreiben und ein Star wird. Er ist der bewunderte Autor, sie die immer lächelnde Ehefrau, die ihm die praktischen Aufgaben des Lebens abnimmt und seine Eskapaden und Verletzungen mit einem Lächeln erträgt. Ein Narziss und sein Engel, so scheint es. Aber von Anfang an gibt es ganz feine Risse in diesem Glamourbild. Schon am Tag ihrer Hochzeit. Nach einem intensiven Liebesspiel am Strand redet Lotto im Überschwang seiner Gefühle von ihr, als sei sie sein Besitz. Mathilde protestiert.

„Gewissheit, meint Lotto. Aber es fehlt ihm die Empathie, die Doppelbödigkeit hinter Mathildes Lächeln zu erkennen. Erst kurz vor seinem Tod mit 46 Jahren kommen ihm Zweifel. Was Lotto nicht mehr erfährt, der Leser bekommt es im zweiten Teil des Buchs geliefert. Eine Dekonstruktion von Mathilde und dieser Ehe, in der von Anfang an nichts so war wie es schien. Eine Ehe, in der sich zwei ganz unterschiedliche Menschen gaben, was sie jeweils brauchten und sich alleine nicht geben konnten. So kann Ehe funktionieren.“

Wie ist es geschrieben?
Licht und Zorn – das sind die beiden Teile des Buchs. Licht ist aus der Perspektive Lottos geschrieben, Zorn aus der Perspektive Mathildes. Hin und wieder schaltet sich in eckigen Klammern noch eine allwissende Erzählerfigur ein, die die Darstellung des jeweiligen Protagonisten konterkariert. Für uns Leser sind das subversive Hinweise, dass Schein und Sein in dieser Story weit auseinanderklaffen können. Der erste Teil lullt ein wenig ein und streut sanfte Zweifel, der zweite Teil stellt den ersten auf den Kopf, das Erzähltempo steigt, aus der Story vom Eheglück wird ein Psychodrama, aus dem Eheroman ein Enthüllungsroman. Totschlag, Betrug, Manipulationen, Rachsucht treten zutage, aber auch tiefgreifende Traumata.  

Wie gefällt es?
Ich finde, Licht und Zorn ist ein interessantes, unterhaltendes, ja spannendes Buch. Nicht über alle 430 Seiten hinweg. Der erste Teil ist mir zu lang. Es passiert zu wenig. Der zweite Teil zieht deutlich an. Da wird geradezu ein Enthüllungsfeuerwerk gezündet. Das hat mich gefesselt. Besonders interessant ist, dass Schein und Sein mehrfach gebrochen werden, dass sich überraschend immer wieder Neues auftut und sich so vermeintliche Gewissheiten auflösen. Licht und Zorn ist eben viel mehr als ein Eheroman.

Lauren Groff: Licht und Zorn, Hanser-Berlin Verlag, 24 EUR, ISBN: 9783446253162

hr-iNFO Büchercheck vom 12.01.2017

Harry Parker: „Anatomie eines Soldaten“
Was würde eine Patrone sagen, kurz bevor sie abgeschossen wird? Oder die Turnschuhe eines Taliban im Kriegsgebiet? Was würde eine Knochensäge erzählen, während sie einem Mann den Oberschenkelknochen durchtrennt? – damit er überlebt. Das erzählen uns in Harry Parkers Debüt-Roman die Gegenstände selbst.

hr-iNFO Büchercheckerin Tanja Küchle hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Harry Parker hat als britischer Soldat durch eine Sprengfalle beide Beine verloren. Wie das passierte – und wie er sich nach dieser verheerenden Verwundung mühsam wieder zurück ins Leben gekämpft hat, davon handelt sein Debüt-Roman. Sein alter ego im Roman heißt Tom Barnes, oder im Einsatz: BA5799. Seine Geschichte erzählen zum Beispiel seine Stiefel, die er noch zu Hause anzieht, bevor er ins Kriegsgebiet fliegt. Ein anderes Kapitel erzählt das grüne Fahrrad eines Jungen, der versehentlich bei einem Drohnen-Angriff von Tomas Armee getötet wird. Die Plastik-Uhr am Handgelenk eines Aufständischen berichtet, wie dieser Sprengfallen baut und im gesamten Gebiet in der Erde versteckt. Objekt für Objekt ergibt sich eine größere Erzählung; in 45 Kapiteln, locker neben einander gestellt – große Zeitsprünge inklusive. Ihr Zentrum aber ist der Schlüsselmoment im Leben des Soldaten: als unter seinen Füßen die Sprengfalle explodiert.

Wie ist es geschrieben?
Die Übersetzung aus dem Englischen liest sich manchmal etwas ungelenk – das ist schade. Doch trotz aller Schönheitsfehler hat mich die Erzählung berührt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen. - „Anatomie eines Soldaten“ ist ein expliziter Anti-Kriegsroman, der aufwühlt; der umso erschreckender wirkt, weil die Gegenstände völlig sachlich, bis ins kleinste Detail berichten. Vom unmenschlichen Horror, von der kühlen, präzise arbeitenden Mechanik des Krieges. Von seiner Sinnlosigkeit und Banalität, in der alles und jeder zum Objekt wird.
Durch den Unfall wird aus BA5799 wieder Tom Barnes. Doch vor ihm liegt ein langer Weg: Viele Operationen, Selbstmordgedanken, schmerzhafte Reha. Aber am Ende steht ein Lichtblick.

„Du sahst auf uns herunter. Wir stellten deine Proportionen wieder richtig, und du lächeltest. Wir bestanden aus Metall und einer Ansammlung von Schrauben, Kohlefaserröhren, Plastik und Gummi. Wir füllten den alten Platz von Muskeln und Fleisch nicht aus, dazu waren wir zu dünn und kantig, aber da, an meinem Ende, gab es auf einmal wieder einen Schuh.“

Wie gefällt es?
Der Roman hat eine große Wucht! Vor allem weil er eine wahre Geschichte erzählt. Ich war noch nie für Krieg. Aber ich bin jetzt noch mehr dagegen – weil mir Harry Parker das, was Krieg im Detail und im großen Ganzen bedeutet, nachvollziehbar und richtig spürbar gemacht hat.
Dass ein Mensch – durch diesen ganzen Horror hindurch – doch wieder ins Leben zurückfindet – das hat mich tief beeindruckt! Dass Harry Parker das auch noch auf eine so ungewöhnliche Weise erzählt, macht den Roman doppelt lesenswert.

Harry Parker: Anatomie eines Soldaten, Benevento Verlag, 24 EUR, ISBN: 9783710900020

hr-iNFO Büchercheck vom 05.01.2017    

Jane Harper: “The Dry”
In dieser kühlen/kalten Jahreszeit führt uns das Krimi-Debüt  „The Dry“ der Autorin Jane Harper in die unerträgliche Hitze einer australischen Kleinstadt, in der es seit Monaten nicht mehr geregnet hat, die Bauern verzweifeln und die Nerven aller zum Zerreißen gespannt sind.

hr-iNFO Büchercheckerin Karin Trappe hat den Krimi gelesen.

Worum geht es?
Steuerfahnder Aaron Falk  kehrt in sein Heimatdorf zurück, ein trauriger Anlass: sein früherer Schulfreund Luke Hadler ist tot, seine Frau und sein Sohn erschossen. Augenscheinlich war Hadler der Täter – erweiterter Selbstmord, wegen der anhaltenden Dürre und der Aussichtslosigkeit, das Leben als Farmer weiterführen zu können. Doch Hadlers Vater hat Zweifel, er bittet Falk, die Hintergründe herauszufinden, und gemeinsam mit dem örtlichen Sergeant Raco macht sich Falk auf die Suche nach der Wahrheit. In dem Dorf schlagen ihm allerdings Skepsis und zunehmend offene Feindschaft entgegen: denn Falk war als Jugendlicher in Verdacht geraten, am Tod seiner Klassenkameradin Ellie Schuld zu sein, mit seinem Vater musste er schließlich den Ort verlassen. Und die alten Geschichten wirken noch, die Verquickungen und Feindschaften zwischen den Bewohnern lassen die aggressive Stimmung parallel zur Hitze im Dorf eskalieren.

Wie ist es geschrieben?
Jane Harper beschreibt mit einer mächtigen Bildsprache atmosphärisch dicht die Lage in einem Dorf, in dem jeder jedem misstraut, in dem alle Geheimnisse haben, keiner mit der Wahrheit herausrückt. Man spürt förmlich die Hitze auf der Haut, den trockenen Mund, die rohe Wut der einen und die verzweifelte Hilflosigkeit der anderen.

„Das einzige Geräusch im Raum war das Summen der Neonröhren, während Dow lange auf den Beleg starrte. Dann schlug er plötzlich ohne Vorwarnung klatschend mit der flachen Hand auf den Tisch. Falk und Raco zuckten zusammen.„Das hängt ihr mir nicht an!“ Ein feiner Sprühnebel Speichel flog aus Dows Mund auf die Tischplatte. „Was hängen wir Ihnen nicht an, Grant?“ Racos Stimme war betont neutral. „Diese verdammte Familie. Wenn Luke plötzlich auf die Idee kommt, seine Frau und sein Kind abzuknallen, ist das seine Sache.“ Er zeigte mit einem dicken Finger auf die Ermittler. „Aber das hat einen Scheißdreck mit mir zu tun, verstanden?“ Dow starrte Falk an und schüttelte den Kopf. Sein Hemdkragen war schweißgetränkt. „Mann, du kannst mich mal. Mit Ellie hast du schon genug Schaden angerichtet. Mich und meinen Onkel machst du nicht auch noch fertig. Das ist eine Hexenjagd.“

Wie gefällt es?
„The Dry“ von Jane Harper ist ein nahezu perfekter Krimi, ein ungemein spannendes Buch, das ich, auch wenn es wie ein Klischee klingt, irgendwann tatsächlich nicht mehr aus der Hand legen konnte. Gegen Ende gibt es auf fast jeder Seite neue Indizien, in immer schnellerer Taktzahl wird dazu in die Vergangenheit zurückgeblendet, die Spannung steigt.  „The Dry“ von Jane Harper ist ein atemraubender Thriller mit einem fast explodierenden Ende – und das ist wortwörtlich gemeint. Unbedingt lesen!

Jane Harper: The Dry, Rowohlt Polaris, 14,99 EUR, ISBN: 9783499290268

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