Hauptmenü
unsere Belletristik-
(Schon) kitschig oder (noch) romantisch?
Wir wissen es nicht so genau. Aber eigentlich ist das auch egal, denn „Noch ein Tag und eine Nacht“ hat uns einfach begeistert, es ist ein kluges, hintergründiges, manchmal erotisches Buch. In einer gar nicht blumigen, eher realistisch erzählenden Sprache schreibt Fabio Volo von der großen Liebe, auf die Giacomo und Michela sich einlassen.
Jeden Morgen treffen sie sich in der Straßenbahn, mal kreuzen sich ihre Blicke, mal sehen sie bewusst aneinander vorbei – doch als Michela Giacomo endlich anspricht ist es zu spät, denn am nächsten Tag geht ihr Flugzeug nach New York. Wochenlang ist Giacomo unschlüssig, wie er sich verhalten soll; endlich fliegt er ihr nach und überrascht sie in ihrem Büro. Schnell stellt sich eine große Vertrautheit ein, die noch dadurch verstärkt wird, dass Michela vorschlägt sich für die acht Tage bis zu seinem Rückflug zu verloben. So könnten sie sich alles sagen, ohne die zwischen den Geschlechtern üblichen Spielchen spielen zu müssen. Endet ihre Liebe mit seiner Abreise?
Fabio Volo: „Noch ein Tag und eine Nacht“, Diogenes Verlag, € 9,90
Ausgesprochen lesenswert!
Unentwegt erzählt July ihrem Sohn Thomas ihre Geschichte(n) – ob er gerade arbeitet oder isst, Zeitung lesen oder sich unterhalten möchte. Um diesem Redefluss zu entkommen und ihr trotzdem seinen Respekt zu erweisen, greift Thomas zu einer List und bittet sie, alles nieder zu schreiben; er verspricht, begabter Buchdrucker der er ist, daraus ein Buch zu machen. Und so beginnt July zu schreiben: von ihrer Kindheit auf der Zuckerrohrplantage, ihrer Stellung als Haussklavin, ihrer Liebe zu Robert Goodwin und dem Sklavenaufstand.
Die Autorin Andrea Levy, selbst Tochter jamaikanischer Einwanderer und dadurch an der Geschichte der Sklaverei sehr interessiert, lässt July auf ungewöhnliche und sehr mitreißende Art zu Wort kommen: sie schreibt, wie sie auch erzählt hätte – nicht beschönigend, oft drastisch und trotz aller Dramatik erfrischend heiter!
Andrea Levy: „Das lange Lied eines Lebens.“ DVA, € 19,99

Ein Neuanfang.
Oder eine Flucht? Für Joseph Blackstone ist die Übersiedelung nach Neuseeland beides: er hofft, der Schuld gegenüber der Familie Millward zu entgehen und er hofft auch, mit seiner Frau Harriet hier das Glück zu machen. Aber schon der Start ist denkbar schlecht: das Lehmhaus, das er mit harter Arbeit aufgebaut hat, hält den Winterstürmen nur schlecht stand, der unbarmherzig fallende Schnee beraubt sie fast ihres ganzen Viehbestandes. Und seine Mutter, die er hoffte beeindrucken zu können, scheint sich mit jedem Tag mehr nach England zu verzehren. Im Laufe der Zeit muss Harriet erkennen, dass Joseph alles andere als ein Ehrenmann ist, doch als ganz in der Nähe Gold gefunden wird, scheint ein gutes Leben vielleicht noch möglich. Oder nicht?
Reich an Fassetten und ausgesprochen interessant ist Rose Tremains Roman, der zur Zeit der Goldgräber Mitte des 19. Jahrhunderts in Neuseeland angesiedelt ist; ganz besonders ihre Charakterbeschreibungen machen ihn zu einem ungetrübten Lesevergnügen.
Rose Tremain: „Die Farbe der Träume.“, Insel Taschenbuchverlag, € 9,95

Bücher auf Rädern.
So hieß der erste Teil von Israel Armstrongs Erlebnissen in Tumdrum; durch eine Reihe von Verstrickungen war der überzeugte Londoner in der irischen Provinz gestrandet und gezwungen, als Bibliothekar die örtliche Fahrbibliothek zu leiten. Nun liegt der vierte Band vor – was sollen wir sagen, er ist so köstlich und unterhaltsam wie erwartet. Und doch noch besser, da der Autor Ian Sansom eine Vielzahl von Bezügen zu Politik, Literatur und Weltgeschichte setzt, bei denen wir Leser lachen und anschließend nachdenklich werden:
Kurz nachdem sich die 14jährige Lyndsay Morris den Roman „Amerikanisches Idyll“ ausgeliehen hat (eines der Bücher, die die Bibliotheksleitung der Abteilung „ungeeignet für Jugendliche“ zugeordnet hatte) verschwindet sie. In Tumdrum tobt gerade der Wahlkampf, und Lyndsays Vater, der ein berühmt-

Über fünfzig Jahre hinweg.
England feiert das Silberne Thronjubiläum von Elizabeth II mit Feierlichkeiten im ganzen Land. Auch die Bewohner von Craven, einem kleinen Ort in den Cotswolds, haben sich auf der Festwiese versammelt, alle sind fröhlich. Doch der Tag endet mit einem Drama: die zehnjährig Jess hat gerade noch mit ihrer Cousine Rachel beim Staffellauf teilgenommen und plötzlich ist sie verschwunden. Das ganze Dorf sucht – doch erst fünfundzwanzig Jahre später kommt Rachel dem Geheimnis von damals auf die Spur.
Eine Familiengeschichte, die im ständigen Wechsel einen Zeitraum von über fünfzig Jahren erfasst und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird – das klingt, als wäre dieser Roman ziemlich schwierig zu lesen. Tatsächlich gelingt es der Autorin jedoch mit großer Leichtigkeit, uns Leser in ihren Bann zu ziehen und ein starkes Mitgefühl für ihre Personen zu wecken.
Eliza Graham: „Die Antwort des Windes.“, Blanvalet Verlag, € 9,99

unsere Belletristik-
Willkommen auf der Rockfarm.
Die Rockfarm im Norden von Wales ist ein umgebauter Bauernhof mit Tonstudio und Gästezimmern, sie gehört der verschrobenen Familie Llewlyn. Dazu zählen Großmutter Nana, die ihren Elvis-
Tiffany Murrays erzählt in ihrem Debütroman von Freundschaft, Familiengeheimnissen und der großen Liebe; ihre Geschichte ist urkomisch und sehr warmherzig und entwickelt dabei einen solchen Sog, dass man das Buch kaum zur Seite legen mag.

Wumbaba!
Es ist einer dieser herrlichen Verhörer, die Axel Hacke notiert hat: „und aus den Wiesen steiget der weiße Neger Wumbaba“, eigentlich natürlich „… der weiße Nebel wunderbar“. Im Magazin der Süddeutschen Zeitung hatte Hacke vor vielen Jahren einen eigenen Falschhörer abgedruckt und wurde danach mit den Verhörern seiner Leser nahezu überschwemmt. Die Originellsten hatte er dann für ein kleines, sehr hübsches Büchlein herausgesucht und von Michael Sowa illustrieren lassen – zwei Fortsetzungen folgten. Nun hat der Verlag daraus eine besonders schöne Geschenkedition im Schuber gemacht; hier können Sie alles nachlesen, vom „Flaggenhof im Wind“ bis zum „Gummitelefon des Lebens“. Viel Spaß!
Axel Hacke: „Die Wumbaba-

Nur ein einziges Motiv…
Oscar Feldman hatte nur ein einziges Motiv: nackte Frauen. Und er hatte das große Talent, sie ungeschönt und doch liebevoll-
Menschen und Begebenheiten so zu schildern, dass jeder einzelne zu seinem Recht kommt und die unterschiedlichen Lebenswahrheiten nebeneinander bestehen können, ist große Kunst. Kate Christensen gelingt es mühelos.

Betty und ihre Töchter.
Dass Joseph Weissmann sich von seiner Frau wegen „unüberbrückbarer Differenzen“ scheiden lassen will, ist schlimm genug. Dass er, auf Drängen seiner neuen Liebe Felicity, die gemeinsame Wohnung am Central Park West behalten möchte und Noch-
Cathleen Schines Roman hat drei Hauptpersonen, die dem Leser schon nach kurzer Zeit ans Herz wachsen und viele Nebendarsteller, die für komische Momente aber und ungewöhnliche Drehungen sorgen. Vor allem aber erzählt Schine eine wunderschöne, herzliche und herrlich versponnene Geschichte!

Ein Hund erzählt.
Max ist eine Mischung aus schwarzem Labrador und weißer Schäferhündin, und beide Temperamente vereinigen sich in ihm. So ist das Leben mit ihm wirklich abwechslungsreich – wie er in diesem Buch selbst zu berichten weiß. Seine Menschenfamilie, die zwei Katzen und seine sonstige Welt hat er voll im Griff: Welpenschule? Hunde-
Die Pfungstädter Autorin Heidi Busch-

“Man sollte lieber nicht auf Reisen gehen, sondern auf dem Balkon sitzen bleiben.”
Erich Kästner hat obigen Satz geschrieben, in seiner (autobiographischen?) Kurzgeschichte „Zwischen hier und dort“, dabei reist er durchaus gerne – wären da nicht die Tage vorher, der Pass, das Visum, die Hotelbestellung und und und..
Als Nächstes nimmt uns Almudena Grandes mit nach Madrid, sie schreibt in Ich-

Braungebrannt und zupackend.
Ninon ist neun Jahre alt, als der mit Kisten und Matratzen vollgepackte Renault Clio vom elterlichen Grundstück fährt und Ninon, deren kleine Schwester Agathe und die Mutter Zélie ins Haus von Zélies neuem Freund Olive bringt. Doch Ninon mag dort nicht bleiben -
Maud Lethielleux erzählt die Geschichte der Familie konsequent aus Ninons Blickwinkel -

Die Akte Spellman.
Das ist die wörtliche Übersetzung des Titels dieses aberwitzigen Kriminalromans – und das passt viel besser als der deutsche Titel. Denn es geht keineswegs um eine einzige Detektivin, wie der Titel es suggeriert, sondern um eine ganze Familie von Ermittlern; lediglich David, der Älteste, hat sich ganz bewusst gegen die Familientradition entschieden und ist Rechtsanwalt. Die Spellmans sind mit solcher Leidenschaft Detektive, dass sie auch privat gegen jeden und alles ermitteln, und daran kann schon mal eine Freundschaft zerbrechen („Du hast meinen Bruder auf Kreditwürdigkeit geprüft???“). Besonders Izzy Spellman, die nach einer steilen Karriere als Kleinganovin und Vandalin mit sechzehn ins Familienbusiness eingestiegen ist, neigt zu Übertreibungen…
Lisa Lutz Buch ist eine sehr wüste und sehr, sehr witzige Mischung aus Detektiv-

Entscheidungen.
Mia, 17 Jahre und sehr begabte Cellospielerin, steht vor einer schweren Entscheidung: soll sie auf die renommierte Juillard School in New York gehen, viele Tausend Kilometer von ihrer Familie und Adam, ihrem Freund, entfernt? Oder soll sie in Oregon bleiben und hier die Chancen nutzen, die sich ergeben? Dann verändert sich von einem auf den nächsten Augenblick ihr Leben – bei einem Autounfall kommen ihre Eltern und der kleine Bruder ums Leben, Mia wird schwer verletzt und liegt im Koma.
Gayle Forman erzählt diese Geschichte in der Ich-

Sommer in der Bretagne.
Marianne Messmann blickt zurück auf 40 öde Ehejahre und erwartet für die Zukunft rein gar nichts. Da kann sie ihrem Leben auch gleich ein Ende setzen. Doch ein Clochard zieht sie aus dem Wasser der Seine und sorgt dafür, dass sie in eine Klinik kommt. Bei ihrer Flucht aus dem Krankenhaus fällt ihr eine bemalte Fliese buchstäblich in die Hände, darauf das Meer und der Hafen von Kredruc. Sie beschließt, im Meer zu sterben und fährt, ohne Gepäck und mit nur wenig Geld, in das kleine Fischerdorf in der Bretagne. Dort angekommen wird sie für die erwartete Köchin gehalten und ehe sie es sich versieht, steckt sie mitten in einem neuen Leben…
Weise, magisch und ein bisschen erotisch: Nina George hat eine zauberhafte Liebesgeschichte geschrieben, die man am liebsten in einem Rutsch durchlesen mag.
Nina George: „Die Mondspielerin.“ Verlag Knaur, € 14,95

Wolle, Tee und Kinderspiele
Das vergangene Jahr war ziemlich schwierig (siehe auch „Komme, was Wolle“), doch nun geht es Jo Mackenzie einigermaßen gut. Ihre beiden kleinen Söhne sind energiegeladen und einfallsreich wie immer, den Alltag mit Kindererziehung, Projekten in der Schule und ihrem eigenen Wollladen hat Jo ganz gut im Griff; für ein wenig Glamour sorgen ihre beste Freundin Ellen und Filmstar Grace, die sie regelmäßig in Strickfragen betreut. Auch in Liebesdingen entwickelt sich ganz zart etwas – jedenfalls haben sie und ihr Jugendfreund Martin sich schon einmal geküsst. Da ist die Überraschung besonders groß, als sie entdeckt, dass ihre Liebesnacht mit dem Fotografen Daniel Folgen hat…
Auch wenn wirklich viel gestrickt und Tee getrunken wird – Gil McNeils Roman ist kein bisschen hausbacken. Sondern ein wunderbar leichter, keineswegs überromantischer Schmöker, den man gar nicht mehr aus der Hand legen mag.
Gil McNeil: „Mit Liebe gestrickt.“, Diana Verlag, € 8,95
